Freitag, 7. November 2014

Exzerpt zu "Sinn, Selbstreferenz und soziokulturelle Evolution" (Luhmann 2008 [~1985 (Fn. 1)])

1 Überblick
1.1 Kurzgefasst:

Evolution ist selbstreferentielle Sinnevolution, wobei zwischen gesellschaftsstruktureller und semantischer (Sinn-)Evolution unterschieden werden muss.

1.2 Genauer:
  1. Luhmanns zentrale These ist, dass die Evolution der Gesellschaft selbstreferentielle Sinnevolution ist. Beispielsweise wird  aufgrund  der Verweisungsstruktur von Sinn (auf andere Möglichkeiten) beim Anschluss von Sinn an Sinn Variation ermöglicht (10, 57). 
  2. Zudem werden die Mechanismen der Evolution in der gesellschaftsstrukturellen Evolution (das ist Sinnevolution in Form von Systemdifferenzierung) und in der semantischen Evolution (das ist Sinnevolution als Ideenevolution) weiter auseinandergezogen und dadurch mit reicheren Kombinationsmöglichkeiten ausgestattet werden" ( 60).

2 Zu den Kapiteln
I. Einleitung: Das Konzept der Evolution
Evolution ist weder ein gesetzmäßiger Prozess, noch kann sie mit einer (Kausal)faktorentheorie behandelt werden (7). Statt Einheit muss mit "der Differenz von Variation und Selektion" begonnen werden (8). Man müsse von Kleinstereignissen des Alltags ausgehen und trotzdem Effektaggregation erklären. Es geht darum, wie man Sinn in die Evolutionstheorie einbringt, unter anderem wegen der "Unwahrscheinlichkeit der Evolution" (9). Die Differenz der Mechanismen Variation, Selektion und Restabiliesierung liegt alle Evolution auf der ersten Ebene zu Grunde (9). Hinzu kommt der Zufall (9).

II. Zentrale Fragestellungen: Erweiterung der Evolutionstheorie um Sinn als selbstreferentielle Reproduktion (10 ff.)
Die zentralen Fragen (und ihre Antworten) des Artikels sind:
  1. Wie auf der Ebene sinnhafter Operation eine abweichende Operation zustande kommt (10)? Antwort: durch Fehler in der Selbstreproduktion (10). Aber dadurch stellt sich die Frage: Sind das Abweichungen zum normalen Kontext (vgl. Kapitel III: 18)? Mehr siehe Kapitel IV: 23.
  2. Aber wie stehen dann die Reproduktion für Variation und Selektion offen, ohne seine Geschlossenheit einzubüssen (12)? Antwort: Durch getrennte Sinndimensionen, siehe Kapitel IV. Für Variation siehe auch Anwort X.2, Für Selektion siehe auch III.2.
  3. Wie entwickeln sich selbstreferentielle Systeme auf Basis von Sinn? Antwort: Verweis auf Mögliches, Repression, Rückkehr auf Aktuelles und Instabilität. (Siehe Kapitel III Sinn und Evolution).


III. Was ist Sinn in Bezug auf Evolution?


    III.1 Was ist Sinn
    Sinn ist die Einheit der Differenz von Aktualität oder Wirklichem (Selbstverweis auf den Sinnkern als intendierbarem Sinn) und Possibilität oder Möglichem (Verweis auf andere Möglichkeiten)(12 f., 15). Dazu "gehört ein notwendiges Moment der Instabilität. Weder Bewußtsein noch Kommunikation können beim einmal gemeinten Sinn verbleiben. Sie müssen ihn verlassen und einer der Verweisung nachgehen, sie müssen weiteres Erleben oder Handeln anschließen" (13, Hervorh. im Ori.). "Stabilität [wird] durch Rückkehr zum Ausgangssinn wiedergewonnen" (13).

    Evolution in der Sinnwelt ohne Grenzen bedarf der Reduktion (Ordnung ist Reduktion) und der Differenz (Ordnungsaufbau) (14). Hierbei ist Welt ein mitaktualisierter Horizont, aber die Aktualisierung erfolgt selektiv (15).

    "Selbstreferenz (Zirkularität) und Differenz sind zugleich die Voraussetzungen [...], dass Ereignisse Informationswert" (durch Selektion über Sinn (Selbstreferenz/Differenz)) gewinnen (16). Ihr Neuigkeitswert und ihr Anschlußwert besteht darin, daß sie (die Information, L.E.) eine Entscheidung triff und damit den Wahlbereich einschränkt" (16). Also Selektion:

    III.2 Selektion
    (siehe auch Frage 2, oben)
    1. "Selektion muß für ein selbstreferenzieles System einen einen Unterschied  ausmachen" (17). "Im Gebrauch [...] in Differenz zu anderen" kann erst "Information auftreten [...] und Direktionswert für Anschlußselektionen gewinn[en]". (Mathematisch:){Selektion -> Information & Anschlussdirektion = f(verfügbaren Differenzen)}
    2. Bei der Selektion wird "mithin ein Kontext voraus[ge]setzt, der von Momentn zu Moment variiert" (18), {Selektion=f(Kontext)}
    Der Wiedereintritt (Re-Entry) von Sinn in Sinn reproduziert den Kontext (18), (siehe unten Fragen dazu).  Durch Re-Entry verschmelzen Horizonte verschiedenen Sinnes zur Welt (19).

    IV. Die Reproduktion von Sinn in den Sinndimensionen (19 ff.)
    Nur durch Sinnreproduktion ist Evolution möglich (19). Die die Sinnreproduktion sinnkonstitutierende Differenz wird trotz laufender Selektion erhalten (20).

    Es stellt sich die Frage: Wie stehen dann die Reproduktion für Variation und Selektion offen, ohne seine Geschlossenheit einzubüssen (12)?  Antwort: Abweichungen kommen nur durch die Sinndimensionen zustande (20)

    1. Sachlich: Es "treten an Formen und an Systemen Innen- und Außenhorizont auseinander" (20).
    2. Zeitlich: Es "lassen sich in der Gegenwart Zukunft und Vergangnheit trennen" (20)
    3. Sozial: Es differieren die Perspektiven von Ego und Alter" (20).

    Gründe, dass mit diesen Sinndimensionen je getrennt variiert und selektiert werden kann sind

    A) verschiedene Zusammenhänge von:
    1. Die Unterscheidbarkeit und Eigenprägnanz dieser Dimensionen (21),
    2. der Form der Differenzierung des Gesellschaftssystems (21)
    3. dem Tempo der soziokulturellen Evolution
    B) das Reflexivwerden von Evolution (21):

    1. sozial: Es wird simplifiziert durch Werte (21) 
    2. Zeitlich: jede Gegenwart hat ihre eigenen Zukunfts- und Vergangenheitshorizonte (21)
    3. sachlich: ist schwierig aufzuweisen. Es ist scheinbar so, dass Objektivität durch eingebaute Selbstdeskription definiert wird (21)
    Durch die Sinndimensionen ist Strukturbildung möglich, beispielsweise Verhaltenserwartung (22).

    Als Antwort auf die Fragewie auf der Ebene sinnhafter Operation eine abweichende Operation zustande kommt (10)? Antwort: durch Fehler in der Selbstreproduktion (10): "Nichtidentische Reproduktion scheint im wesentlich folgende Quellen zu haben" (23):

    1. Rückgriff auf Bekanntes und
    2. zufällige Ereignisse (wie die Registrierung eines Ereignisses in nützlich/schädlich) (23).

    Diese Morphogenese durch Sinn modifiziert Strukturen (23).

    V. Warum bilden sich Systeme im Operationsmodus Sinn? (24-40)
    Antwort: Da sie Träger der Reduktion der Komplexität sein müssen (25).  Dies ist erforderlich, da Sinn eine Verweisungsstruktur auf Mögliches beinhaltet. D.h. die "Sinnevolution erzeugt, um sich zu ermöglichen, Systeme" (28). Aber auch Systeme"profitieren davon, daß sie Komplexität in der Form von Sinn erfassen und verarbeiten können" (28), was im folgenden Abschnitt als "evolutionäre Errungenschaft"(28) behandelt wird. Oder anders gefragt:

    VI Was ist gewonnen, wenn Evolution mit Sinn operiert? Antwort: Eine "Erweiterung des Potentials für Informationsverarbeitung, die die Evolution von Sinn befördert" (28 ff.)

    Antwort (allgemein): Es kann sich an (Sinn)-Differenzen orientiert werden, so dass Systeme gebildet werden, die bei geringerer Zahl an Elementen größere Kombinationsmöglichkeiten (wegen der Differenzen) aufweisen. Aber wie funktioniert das?
    (Exkurs L.E.: Luhmann nimmt also (System)-Stabilität als gegeben hin, was empirisch auch haltbar ist, denn Gesellschaft existiert schon lange. Deswegen spricht er von "profitiert" oder von "gewonnen", womit er impliziert, dass "die" Gesellschaft vom Operationsmodus Sinn profitiert oder evolutionäre Errungenschaften gewinnt).
    Der Gewinn lässt sich in fünf Hinsichten charakterisieren - jeweils in Bezug auf
    1. Systemgrenzen, damit es "Unterschiede, Diskontinuitäten, Konflikte in der Umwelt sehen kann" (29), beispielsweise das Freund-Feind-Schema (vgl. S. xx)
    2. Kausalität, damit sie "als hypothesengenerierendes Prinzip benutzt werden" kann, d.h. für das "Voraussehen mutmaßlicher Wirkungen" (33).
    3. Kontingenz, damit man zum Sinnkern nicht zurückkehren muss (34).
    4. Erwartungsbildung, da sie "der Präzisierung einer Differenz [dienen], die sich erst an ihnen zeigen kann: der Differenz von Erwartungserfüllung und Erwarungsenttäuschung" (36). Erwartungsenttäuschung unterscheidet sich dabei in Enttäuschungen, die "man anerkennen [...] will, und [...] die man enttäuschungsimmun festhalten will"(37). "Diese Differenz übernimmt nun die Führung der semantischen Evolution: sie etabliert sich in der Unterscheidung eines kognitiven (lernbereiten) und eines normativen (nicht lernbereiten) Erwartungsstils" (37, Hervorh. im Ori.).
    5. Neuheit, damit es redundante Möglichkeiten schafft (39), oder: "Was neu ist, ist fast zwangsläufig besser" (39). Diese Redundazu ist wiederum Voraussetzung zur Variation ist (27).
    Diese "fünf Gesichtspunkte der Sinnverwendung [...] hinterläßt den  Eindruck, dass die Evolution von Sinn eine Linie der Steigerung und der Dramatisierung verfolgt, die ins immer Unwahrscheinlichere führt" (40)

    VII Die Differenz sakral/profan (40-
    Sie ist evolutionäre wichtig, da sie der im Sinn (in seinen Verweisungen) immanenten Ungewissheitserfahrung (dem Unfassbaren) Form, Namen und Ort gibt (40 f.). Dies erfolgt beispielsweise als sakrales Ritual oder Kult in der Religion (42). Mit der "Einheit der Differenz von sakral und profan [...] kann sie jede Situation, ohne vorweg zu wissen welche, in ein religiöses Schema der Informationsbehandlung überführ[t]" werden, d.h. "das Mitwirken des Außeralltäglichen zu erfahren und zu thematisieren"  (42, Hervorh. im Ori.). Noch tieferliegend wird diese Differenz über Duale wie Sünde/Gnade bis hin zur Frömmigkeit entdifferenziert, was mit der modernen Gesellschaft scheitert (45 f.). Die ausdifferenzierte Religion stellt um auf undifferenzierte Positivvorstellungen (45), beispielsweise die Güte Gottes (L.E.).

    VIII Sinn und Selbstreferenz in der Evolution und die Steigerung von Komplexität durch sekundäre Sensibilitäten
    Sinn und Selbstreferenz sind tragende Merkmale der Evolution und führen zu strukturelle aber auch bestimmbarer Komplexität ((46 f.). "Die Umformung von Überraschung, 'noise' in informativen Sinn; der dann selbstreferentiell zugänglich bleibt, setzt deren (sinnhafte, L.E.) Reproduktion mit in Gang" (45). Neben "'fehlerhafter' Reproduktion wird Variation und damit weitere Evolution am tradierten Sinngut ermöglicht. Ein Beispiel ist die Evolution der Liebessemantik (46 f.), An dieser lässt sich zeigen, wie der Sinn von Evolution auf Evolution zurückprojiziert wird (Fn. 2): Zuerst Plaisier, dann Liebe, dann Ehe. Es geht somit um die "Steigerung von Komplexität durch sekundäre Sensibilitäten" (50). Jedoch kann "Evolution nicht schlichtweg als zunehmende Differenzierung begriffen werden" (53, vgl. Kapitel XI).

    "[W]enn die Evolution in Richtung auf ausgearbeitete, bestimmte oder doch bestimmbare Komplexität läuft, wird Unbekanntes, Überraschende, Unweahrschinliches zunehmend deutbar" (47).

    Die Umstellung der Gesellschaft auf Eigendymik statt Außenanstöße erzeugt u.a. semantische Paradoxien (Widersprüche), was sich evolutionär als vorteilhaft herausstellt, wenn sich dadurch sozialstrukturelle Evolution und Ideenevolution gegeneinander ausdifferenzieren. Dadurch "gewinnen Simulationen, also gedankliche Vorweg- oder Alternativprozesse an Bedeutung und im Zusammenhang damit wiederum: distanzierende Semantik", wie beispielsweise "die aristotelische Isolierung [...] der Natur" (48).

    Zur Anschlussfähigkeit bedarf es der Speicherfähigkeit des Gedächtnisses (48).

    Fortsetzbarkeit ist nicht garantiert wegen der Wahrscheinlichkeit von Fehlern, weswegen es jedoch Warnsemantik und- als progressiv geltende - Bewahrung von Errungenschaften gibt (49).

    IX. Die evolutionäre Begünstigung von Funktion und die zunehmend funktionale Differerenzierung aufgrund von Komplexitätszunahme
    Funktionen werden entdeckt, wenn man Verweisungen als Probleme fasst (50). Evolution ist dann über funktionale Äquivalente zu begreifen, wenn äquivalente Lösungen die gleiche Funktion erfüllen (50). Sie ermöglichen somit die Gleichheit von Ungleichheit (50). Diese Differenz wird "durch Funktionen geordnet und gegebenenfalls gesteigert" (51). Sie geben zusätzlich Anschlusswert (die Funktion der Funktione, wie "Poesie und Prosa als funktional äquivalente Formen" (51).

    Gleiches wird mit Differenz angereicht und dadurch informationswirksam (52).

    Funktionen können Sensibilität für Differenz schärfen, je nachdem wie sie Gleichheit anstezen, beispielsweise Recht und Moral in Bezug zur Natur oder zum menschlichen Verhalten (53).

    Evolution ist nicht schlichtweg funktionale Differenzierung, sonder auch Eliminierung von Differenz, wie beispielsweise die vita activa/contemplativa (53). Ursache ist hier der Prozess der funktionalen Differenzierung. Grundsätzlicher ist immer die Form der primären Differenzierung (das Primat) zu berücksichtigen, da die Funktion mit der System-Umwelt-Differenz des Gesellschaftssystems gleichgeschaltet wird; beispielsweise verliert vieles aus der Stratifikation an Überzeugskraft in der der modernen funktional differenzierten Gesellschaft (54). Funktion wird somit zum evolutionären Regulativ. weil sie Differenz präzisiert und trotz Unwahrscheinlichkeit verhaltenswirksam machen kann (54).

    X) Sinnevolution und die Verfestigung in der Differenz von Gesellschaftsstruktur und Semantik
    X.1 Sinnevolution Sinn evoluiert als autopoietische Reproduktion und verfestigt sich in der Differenz von Gesellschaftsstruktur (d.h. Systemdifferenzierung, um Verhaltenserwartungen zu separieren) und Semantik (d.h. Ideen, 'Kultur' oder Formen, die die Reproduktion von Sinnerleben steuern)(55 f.). Beide verändern sich wechselseitig, d.h. die evolutionäre Gesellschaftsstruktur kann die Plausibilitätsgrundladen der Semantik verändern (siehe oben Stratifikation) (56 f.). Genauso wie eine gewisse 'Vorleistung' der Ideenevolution, welche noch reproduktionsfähige Kontingenzen erhöhen kann (57), was aber nicht zwangsläufig zu Änderungen der Gesellschaftsstruktur führt (L.E.). In beiden Fällen scheint eine wichtig Voraussetzung zu sein, dass Sinn, und somit der Anschluss von Sinn an Sinn, eine höhere und raschere Variation ermöglicht (57). "Jedenfalls bleibt in der tradierbaren Semantik eine ungewählicher Selektionsspielraum erhalten" (58). Dabei ist "[b]is heute Kontingenz das Signum und das Problem der Moderne geblieben" (58). Hierbei gilt für die Funktion, dass sie immer nur einn Vergleichspunkt unter anderen auszeichnet, immer relativiert, wird Kontingenz reproduziert und nicht ins Notwendige zurücktransformiert (58).

    X.2 zur Variation
    (siehe Frage 2 oben)
    Man kann vermuten, dass die mit Kontingenz bezeichnete "Erweiterung der Variations-, Anschluß-, Kombinations- und Reproduktionsmöglichkeiten von Sinn als Resultat von Evolution in die evoluierenden Sinnsysteme selbst eingebaut worden ist" (59, Hervorh. im Ori.). "Vor allem aber festig sich durch diese Entwicklung die Differenz von Gesellschaftsstruktur und Semantik. Sie wird irreversibel in die Evolution von Sinn hineingeschrieben" (59, Hervorh. im Ori.). Wäre beides eine Einheit, könnte man "Variation nicht riskieren [...] (Antwort zur Frage 2 oben, L.E.). Die Differenzierung ermöglicht es, Ideen gleichsam spielerisch zu variieren [...]. Sie ermöglicht es, Realfolgen neuer Semantiken außer acht zu lassen oder in eine illusionäre Welt, eine bessere Welt zu verlagern. Und auf der anderen Seite können gesellschaftsstrukturelle Veränderungen, die man nicht wagen könnte, unbemerkt anlaufen und in sich in der Plausibilität neuer Ideen abstützen" (59). "[D]ie Mechanismen der Variation, der Selektion und der Restabilisierung in der gesellschaftsstrukturellen und in der semantischen Evolution werden weiter auseinandergezogen und dadurch mit reicheren Kombinationsmöglichkeiten ausgestattet werden" (60)  (Fn 3).

    XI) Die Evolution der Evolutionstheorie
    "Das Bezugsproblem [...] ist die mit zunehmender Komplexität des Gesellschaftssystems zunehmende Rlevanz der Zeitdimension" (62).  Die "Evolutionstheorie befasst sich also mit allgemeinen Problemen des Entstehen und Vergehens von Ordnung [...], mit dem Tempo, in dem dies geschieht, umd mit der immer höheren Unwahrscheinlichkeit des Resultats" (66). Die Frage nach wohlüberlegtem (deliberate) Wandel ist die Frage nach der Differenz von Evolution und Planung (63). Zwei Fragestellungen sind dann relevant: [W]ie weit kann das System planmößig geändert werden? [...] [W]ie ist eine Evolution hyperkomplexer Systeme möglich? (68). "Die Evolutionstheorie muß dann reflektieren, daß in der Menschengesellschaft Planung vorkommt als eine Art von Beschleunigung von Zufällen und Katastrophen" (63). "[D]ie Ziele der Planer [wird] bestenfalls als Material für Variationen und Selektionen verwendet, ohne selbst Ziele zu verfolgen" (64). "[G]eplante Systemtransformation heißt eben nicht: planäßige Systemtransformation" (68). Die Funktion der Evolutionstheorie liegt zunächst nur in der Steigerung analytischer Kapazität (71).

    3 Fragen


    3.1 Zur Repression des Überschusses von Sinn (14)
    3.1.1 Wie sind "Reduktion" und (oder?) "Repression" zu verstehen (14). Ist das eine Art Sub-Mechanismus? Eine Art Metaselektion (bspw. Normen)? Es kann doch nicht reduziert werden, wenn es nicht zuvor der Überschuss produziert wurde? Muss hier an einen Mechanismus der Sozialisation gedacht werden?

    Genauer:
    Wie sind "Reduktion" und (oder?) "Repression" zu verstehen (14), wenn es ein Überschuß an Möglichkeiten durch Sinn gibt und beide "im Sinne eines laufenden Miteinander" gedacht werden müssen? Ist die Reduktion eine Art Sub-Mechanismus, eine Meta-Selektion, die die Auswahl von Selektionen selektiert? Es kann doch nicht reduziert werden, wenn es nicht zuvor der Überschuss produziert wurde? Oder  wird er wegen Repression schon gar nicht gedacht? Oder wird der (potentielle) Überschuss schon der Repression ausgesetzt (wie beispielsweise Normen)?

    3.1.2 Muss nicht eher an ein Mechanismus der Sozialisation gedacht werden, der die Möglichkeiten erst gar nicht zulässt?  Oder wie lässt sich die Sozialisation mit der Sinn-Konzeption und dieser "Reduktion/Repression" denken?

    3.2 Ist die Überschußreproduktion auf Seiten der Semantik und die Repression auf Seiten der Gesellschaftsstruktur zu verorten?


    3.2 Zum Kontext (18)
    3.2.1 Wie ist Folgendes zu verstehen: Reproduziert wird [...] der Kontext der Selektion durch Wiedereintritt (von Sinn in Sinn?) (18)? Erfolgt der Wiedereintritt im Möglichen (also nicht im Aktuellem) des Sinns? Wird so das Mögliche mit Sinn ausgestattet und dadurch eingeschränkt? Ist diese Möglichkeitseinschränkung der Kontext?

    3.2.2 Kann das vielleicht mit "Reduktion/Repression" (siehe erste Frage) zusammen gedacht, also in Verbindung gebracht werden?

    3.3 Reproduktionsfehler (10)
    Zur Frage Luhmanns wie auf der Ebene sinnhafter Operation eine abweichende Operation zustande kommt? Antwort: durch Fehler in der Selbstreproduktion. Meine Frage: Sind das Abweichungen zum normalen Kontext, siehe Frage 3.2?


    4 Fußnote
    (1) Liest man die editorische Notiz von André Kieserling (254 ff.), dass Luhmann den Text im dritten Band der Reihe Gesellschaftsstruktur und Semantik nicht aufnahm (254), und betrachtet man, dass diese Reihe mit den vier Bänden in den Jahren 1980, 1981, 1989 und 1995 erschien (253: Fn. 1), dann kann man vermuten, dass der Text zwischen 1982 und 1988 erschienen sein könnte - die Mitte des Intervalls wäre dann etwa 1985.
    (2) Hier scheint eher die Ausdifferernzierung oder Subsystembildung oder eine Re-Entry der Differenz in die Dzfferenz (Reproduktionen neuer Differenzen) gezeigt zu werden, denn ein Re-Entry der Evolution in die Evolution müsste ja die Evolution ändern (L.E.).
    (3) Eine starke These (L.E.).

    5 Literatur
    Luhmann, Niklas (2008 [~1985 (Fn. 1)]): Sinn, Selbstreferenz und soziokulturelle Evolution. In: Niklas Luhmann (Autor) und André Kieserling (Hg.): Ideenevolution. Beiträge zur Wissenssoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 7–71.

    Sonntag, 2. November 2014

    Exzerpt zu "Gesellschaftliche Struktur und semantische Tradition" (Luhmann 1993a)

    Hauptthese
    Seine Hauptthese ist, dass Semantik und Sozialstruktur korrelieren (siehe Fußnote (kurz Fn.) 1). 

    Im Text plausibilisiert er diese These mit der funktionale Differenzierung im Vergleich zu stratifikatorischer Differenzierung (Ständeordnung).

    Buchklappeninnentext und Vorwort, Definitionen
    Unter Semantik versteht Luhmann "kulturgeschichtliche[s] Material" (1993b: 7). Unter einer "'gepflegten' Semantik" versteht Luhmann "die bewahrenswerte[n] Gesichtspunkte der sozialen Kommunikation [...], [die] aus[ge]arbeitet, konserviert und variiert" wird (1993a: Buchklappeninnentext).
    Weitergehende Definition von Semantik siehe S. 19.
    Definition Latenz (S. 65)

    Kapitel I: Kritik an Historikern
    Luhmann kritisiert die Historiker wegen fehlendes Theoriebezuges (15) (Fn. 2). Zudem ist Wissen standortabhängig (12)

    Kapitel II: Ausdifferenzierung als typifizierter Sinn der Semantik
    Semantik bildet Formen typifizierten Sinns (19) - mit situativen Vorkehrungen wie Rollen (20). Das ist somit Ausdifferenzierung - bestehend aus dem Zusammenhang von Systemdifferenzierung und Komplexität (20).

    Kapitel III: Zum Zusammenhang von Komplexität und Systemdifferenzierung.
    Komplexität ist die intervenierende Variable zwischen Strukturänderungen und Semantik, die sich als emergenter Sinn anpasst (22 ff.), (Fn. 3). Die Semantik der Orientierungserfordernisse zwingt zur Selektion (24); ähnlich wie Normen (L.E.). Dadurch ist Systemdifferenzierung mit Teilsystemen und gesellschaftsinternen Umwelten erforderlich (25). Dies lässt sich wie folgt grafisch darstellen (34)
         Element/Relation  > Komplexität
                                                                        > Semantik
         System/Umwelt    > Differenzierung

    Die Differenzierung wird gegenüber der Komplexität ausführlicher dargestellt: Teilsysteme sind beispielsweise Funktionssysteme mit je spezifischer Funktion (für die Gesellschaft), Leistung (für andere Funktionssysteme) und Reflexion (für sich selbst) (29 ff.). Um die funktionale Differenzierung gegenüber der Ständeordnung zu erläutern wird beispielsweise das Prinzip der Inklusion und Gleichheit als Wertpostulate dargestellt (33 f.). Gleichheit wird an Individualität festgemacht. 

    Kapitel IV: Sinndimensionen
    Es geht um Sinndimensionen (sachlich, zeitlich, sozial) und die darin vorkommende Variationen und Selektionen der Evolution:
    1. Sachlich bedeutet eine Spezialisierung, eine "Steigerung des Auflöse- und Rekombinationsvermögens" (37, kursiv i. Ori.). 
    2. In der Zeitdimension findet Beschleunigung statt (38).
    3. In der Sozialdimension geht es um doppelte Kontingenz und ihre Kontrolle (38).

    D.h. die evoluierende, variierende Komplexität schafft sich Korrelate in den drei Sinndimensionen. Der Selektiondruck und die sich dadurch ergebenen Formen in den Sinndimensionen sind jeweils voneinander unabhängig.

    Luhmanns These ist, dass die Semantik der Differenzierung folgt (39).

    Die Limitationalität von Semantiken (begrenzte Denkmöglichkeiten) werden auf Basis von Selbstreferenz in den Funktionssystemen ermittelt (40).

    Kapitel V: Evolution und Differenzierung
    Die Evolution (Strukturänderung) erklärt Unvorhergesehenes. Die Sinnhaftigkeit des Erleben und Handelns sind die Mutationen der sozio-kulturellen Evolution (42).

    Zu klärende Fragen wären
    1. wie die gesellschaftliche Evolution die interne Evolution der Teilsysteme ermöglicht (42); 
    2. oder ob Ideenevolution eigenständig ist (45)?
    Evolutionstheorie kann mit folgenden fünf Thesen hin zur Realität verdichtet (reduziert) werden 43 f.f.):
    1. Stabilisierung durch Differenzierung. 
    2. Einfluss durch die primäre Differenzierungsform. 
    3. Interne Evolution hat eine geringere Tragweite. 
    4. Ideenevolution (Semantik) ist zu unterscheiden von der Evolution der Teilsysteme.
    5. Die interne Evolution (der Teilsysteme) ist abhängig von der primären Differenzierung. D.h. auch eine Ideenevolution ist an die Semantik der primären (hier funktionalen) Differenzierung gebunden.
    Kapitel VI: Bedingungen der Möglichkeiten von Ideenevolution.
    Wie wird also Ideenevolution beeinflusst? Und wie lässt sich das untersuchen? Zu letzterem schlägt Luhmann folgendes vor:

    1. Selektion kann durch die Begriffe Plausibilität (leuchtet ein) und Evidenz (schließt Alternativen aus) untersucht werden (49). Beide Begriffe unterliegen auch der Variation. TEilsysteme unterliegen gesellschaftlicher und eigener Plausibilität/Evidenz (siehe oben These fünf).
    2. Stabilisierung kann durch Systematisierung und Dogmatisierung untersucht werden (50), beispielsweise Institutionalisierung. Hierbei hat die Ideenevolution eine gewisse Autonomie als Reflexionsform (Selbststabilität) (51). Die Krise des Dogmatismus (in der stratifikatorischen Differenzierung) kann als Stabilisierungsfunktion der funktionalen Differenzierung gesehen werden (51).
    3. Bei Variation sind es kognitive Inkonsistenzen und Probleme als Teil der Verschriftlichung (47). D.h. Variation braucht den Problembezug und Vermittlungsoperationen wie Änderung von Begriffsbedeutungen.
    Der dabei zu untersuchende "empirische[...] corpus" (45) der Ideenevolution besteht aus besonderen Sinnzusammenhängen von gepflegter Semantik (46). Das wird thematisiert, wenn "Evolution in der Reflexion über sich selbst kommt, [...] als das, was sich ändert und damit als das, was in der Änderung Kontinuität garantiert" (46, Hervorh. i. Ori.).

    Bedingung der Evolutionsfähigkeit sind eher intern (endogen).

    Die Zeitdifferenz zwischen semantischen Innovationen kann groß sein.

    Funktionssysteme binden Selektion.

    Wenn Materialien in der Ideenevolution beispielsweisein die Wissenschaftsevolution überführt werden, lassen sich folgende Aspekte unterscheiden (52 f.):
    1. Erkenntnisfunktion 
    2. Neutralität 
      1. seitens des Subjekt sind es psychische und soziale Kontexte;
      2. seitens des Objekts ist es das Außerkraftsetzen der phänomenalen Wahrheit (Konstruktivisimus).
    3. Die interpretierte Welt ist für die Wissenschaft Umwelt, sie kann nicht die gesamte Tradition szientifizieren. Das muss als Relation interner und externer Bedingungen gelöst werden.
    Fazit: Diese Reduktion der Wissenschaft ermöglicht eine Steigung des Wissens  (53), d.h. eine Komplexitätszunahme durch Komplexitätsreduktion (L.E.).

    Kapitel VII: Probleme reflektierten Wissens statt gepflegter Semantik
    Gepflegte Semantik wird zu (wissenschaftlichem) reflektiertem Wissen in der funktionalen Differenzierung. Die Wissenschaft löst sich ab vom Mitvollzug der Kommunikation (54). Ernst gemeinte Semantik verlagert sich in die Funktionssysteme (55), zwei Abstraktionen sind zu unterscheiden:

    1. Der Wertbegriff wird dabei eigenständig. 
    2. Relation Wissen und Gegenstand wird zum Problem (Apriorisierung versus Ideologie):
      1. Apriorisierung reduziert Komplexität auf die Identifizierung der Erkenntnisrelation (auf den Punkte, von dem aus Wissen als Wissen begründbar ist)
      2. Ideologie erweitert die Komplexität durch eine zweite Realitätsrelation.
    Semantik braucht die Angabe einer Systemreferenz.

    Kapitel VIII: Forschungen in der Wissenssoziologie und ihr Verhältnis zur Wahrheit
    Statt Wahrheit geht es eher um das Vermögen Kontingenzen zu thematisieren (60). Es stellt sich die Frage wie die Mechanismus der Evolution zusammenhängen? Es geht beispielsweise dann um Selektion und Variation von aneinander anschließenden Ordnungen, die selektiv behandelt werden können und teils abhängig, teils unabhängig voneinander variieren (62). Hierbei sind diese Forschung über den Zusammenhang von Semantik und Sozialstruktur selbst wieder Ausgangspunkt für Evolution (62). D.h. der Gegenstand der Soziologie muss sinnhaft-selbstreferentiell begriffen werden.

    Kapitel XI: Wissenssoziologie und Latenz
    Da jede Selektion hinreichende Formbestimmung voraussetzt, gilt das auch für Latenz. (Deswegen ist die alte Frage ob latentes Wissen soziales Wissen werden kann obsolet (63)). "Von Latenz sollte man aber nicht im Hinblick auf das ganz Unbestimmte sprechen, denn auch latente Möglichkeiten sind bestimmte oder situativ bestimmbare Möglichkeiten, die aber trotzdem nicht aktualisiert werden können" (65). Latenz kann nicht aktiviert werden (66). Erst durch Systembildungen werden komplexe Bereiche ausgegrent wie beispielsweise Sinngrenzen, wobei drei Überlegungen beim Problem sinnerzwungener Selektion zu unterscheiden sind
      1. Es gibt weiterhin inopportune Möglichkeiten, bei denen die Gegenmöglichkeiten denkbar bleiben.
      2. bestimmte Strukturwahl bietet Sinnkombinationen verstärkt an (und schließt andere aus) - beispielsweise über Moral
      3. Latente Strukturen sind nicht einfach fehlendes Bewusstsein (67), sondern bleiben sinnhaft verfügbar. Sie regeln, was man in welchen Situationen verschweigen muss

    Latenz braucht Systemschutz.

    In der Soziologie wird Latenz einsehbar. Zu berücksichtigen ist dabei, dass die Korrelation Sozialstruktur/Semantik sich an unterschiedlichen System/Umwelt-Differenzen bricht.

    Wissensoziologie steigert das Bewusstsein der Kontingenz und Nichtbeliebigkeit von Kombinationen.

    Statt selbstreferentieller Theoriepraxis wäre eine evolutionstheoretischer Ansatz sinnvoll. Der Wiedereintritt der wahren Darstellung der Realität durch in den durch sie bezeichneten Sachverhalt stellt die Chance zur Wiederöffnung der Evolution dar (71).

    Fußnoten
    (1) Eine ähnliche These ist bei Habermas zu finden. (Eine genaue Referenz konnte in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit nicht gefunden werden).
    (2) Siehe ähnliche Kritik, jedoch breiter ausgearbeitet, in Luhmann (1981).
    (3) Zur Komplexität siehe Exzerpt Komplexität.

    Literatur
    Luhmann, Niklas (1993a): Gesellschaftliche Struktur und semantische Tradition. In: Niklas Luhmann (Hg.): Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. 4 Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp (1), S. 9–71.

    Luhmann, Niklas (1993b): Vorwort. In: Niklas Luhmann (Hg.): Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. 4 Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp (1), S. 7–8.

    Luhmann, Niklas (1981): Geschichte als Prozeß und die Theorie sozio-kultureller Evolution. In: Niklas Luhmann (Hg.): Soziologische Aufklärung 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation. Opladen: Westdt. Verl., S. 178–197.

    Fragen
    i) Fragen zu Luhmanns These: dass es "[z]u einer konsolidierten Grundsemantik [...] typisch nach der Entwicklung einer Differenzierungsform" kommt (S. 39, kursiv i. Ori.): Wieso folgt die Semantik der Sozialstruktur? Wäre es nicht genauso andersrum denkbar? Beispielsweise würde erst über Ausdifferenzierung von Rollen geredet: "man müsste mal dies oder jenes tun" - also kommuniziert. Aber erst später wird dies als Handlung durchgeführt - d.h. nachdem es sich als plausibel und evident (vgl. S. 49) herausgestellt hat. Zugegebenermaßen schließt Luhmann das nicht aus, da er von "konsolidiert" und abschwächend von "typisch" spricht. Aber eine Begründung des "nach" gibt er scheinbar nicht.
    Jedoch schreibt er auch, dass sie sich "wechselseitig beeinfluss" (34).

    ii) Frage zum Re-Entry der Wissensoziologie (70): Wenn für Forschungen zu einem re-entry der Wissensoziologie (mit ihrer Untersuchung von Sinn und der Korrelation Sozialstruktur/Semantik) "eine Theorie selbstreferetieller Theoriepraxis wohl aus[scheidet]" und "[w]eniger anspruchsvoll ein evolutionstheoreitscher Ansatz" sei (70), dann ist mit selbstreferentieller Theoriepraxis wohl kaum die selbstreferentielle Theoriearchitektur Luhmanns gemeint? Oder müsste er sich da selbst nicht kritisieren? Was versteht Luhmann also in diesem Fall unter "Theoriepraxis"?

    Montag, 13. Oktober 2014

    Fragen zur Systemtheorie



    1) Fragen kann man an folgenden Stellen gut posten:

    a) Facebook Luhmann Gruppe - hier werde ich automatisch informiert

    b) luhmann-online - bitte hier mich zusätzlich informieren. Dort gibt es keine automatische Benachrichtigung

    2) Gerne übernehme ich Antworten, deren Fragen mich direkt erreichen:

    a) Folgende "Frage" erreichte mich, dazu <meine Anmerkungen>:
    <hier fehlen noch die Zitationen, also was wurde zitiert und was ist eigene Formulierung>

    Also ein selbstreferentielles System hat zur Bedingung die kausale Offenheit und die operative Geschlossenheit, (was auf unterschiedlichen Ebenen erfolgt) damit es sich von seiner Umwelt abgrenzen bzw unterscheiden kann. und seine eigenen Einheiten selbstreferentiell reproduziert. Die Grenze des Systems zieht das System selbst. 


    Die Selbstreproduktion des Systems schließt nur die Ursachen ein,welche durch das System selbst kontrolliert werden können. 

    <Streng genommen ist der Begriff der "Ursache" problematisch>

    Autopoiesis sagt nichts über die Struktur eines Systems aus. Die entsteht erst durch die strukturelle Koppelung an die Umwelt. 

    <streng genommen entsteht sie "nur" durch die Autopoiesis. Inwieweit Informationen als Teil der Kommunikation der strukturellen Kopplung "Einfluss" haben ist ein größeres Thema>

    Die Umwelt determiniert den Prozess der autopoietischen Reproduktion nicht. Das Autopoietische System ist immer selbstbezogen und deshalb für einen externen Beobachter umkalkulierbar. Ob dieses System nun determiniert oder indertiminiert Handelt ist somit nicht von Belangen. Die Determination durch die Umwelt kann nur im Fall der Destruktion erfolgen.


    b) ....

    3) zu "[...] Prozeß und [...] Evolution" (Luhmann 1981:178):

    These: Die zentrale These ist, dass der historische Prozessbegriff durch den Evolutionsbegriff und seine drei Mechanismen Selektion, Variation und Restabilisierung abgelöst werden sollte. Die Einheit des Prozesses der Geschichte entspricht dann der Einheit von Evolution durch Evolution.

    Fragen: 1) Meint Luhmann mit "Typus der Strukturänderung" (193) die drei Mechanismen der Evolution? 2) Wenn doch Evolution als "Veränderung ihrer eigenen Bedingungen" (193) betrachtet werden kann, warum sollte nicht auch "ein prinzipiell anderer Typus der Strukturänderung (etwa einer, der Voraussicht implizierte)" (193) möglich sein?


    Luhmann, Niklas (1981): Geschichte als Prozeß und die Theorie sozio-kultureller Evolution. In: Niklas Luhmann (Hg.): Soziologische Aufklärung 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation. Opladen: Westdt. Verl., S. 178–197.


    3) zum Text "Systemtheorie, Evolutionstheorie und Kommunikationstheorie" (Luhmann 1986: 193):

    These:
    Die zentrale These ist, dass eine Theorie der modernen, hochkomplexen Gesellschaft selbstreferentiell gebaut sein müsse (vgl. S. 193, 194, 200), da eine solche universalistische Theorie Teil ihres Gegenstandes - eines evoluierenden Systems -  ist, und somit selbst der Evolution unterliegt (vgl. S. 200). Dies könne eine Gesellschaftstheorie bestehend aus den drei zusammenhängenden Teiltheorien System-, Evolutions- und Kommunikationstheorie leisten.

    Fragen:
    1) A) Wenn "selbstreferentielle Theorien zunächst logisch und empirisch gehaltlos" (201) sind, sich also "ein Problem der logischen und empirischen Unbestimmbarkeit" (196) stellt, wie ist dann eine empirische "Verifikation" für diese Theorie möglich? ("Verifikation" meint eine Art statistisch signifikante Plausibilisierung; ohne von Falsifizierung im Sinne Poppers reden zu wollen). B) Was meint Luhmann mit "zunächst", wenn er schreibt, dass "selbstreferentielle Theorien zunächst logisch und empirisch gehaltlos" (201) sind?

    2) Zur Selbstreferentialität:
    Warum muss die Theorie selbstreferentiell gebaut sein, wenn doch eine Gesellschaftstheorie statistisch gesehen nur einen minimalen Anteil an Gesellschaft hat? Eine Begründung wäre vielleicht, dass auch die zu erklärende "Realität" selbstreferentiell ist, aber wäre das plausibel oder gäbe es genug soziale (selbstreferentielle) Phänomene, die diese Annahme rechtfertigen würden?



    Luhmann, Niklas (1986 [1975]): Systemtheorie, Evolutionstheorie und Kommunikationstheorie. In: Niklas Luhmann (Hg.): Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. 3. Aufl., S. 193–203.

    Sonntag, 12. Oktober 2014

    Freitag, 10. Oktober 2014

    Stichworte zu "Ort, Nina (2007): Reflexionslogische Semiotik. [...] Gotthard Günther [...] Charles S. Peirce. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft"

    1) Es geht um die folgende Literatur: Ort, Nina (2007): Reflexionslogische Semiotik. Zu einer nicht-klassischen und reflexionslogisch erweiterten Semiotik im Ausgang von Gotthard Günther und Charles S. Peirce. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.

     2) Zu 0. Einleitung

     2.1 ) "Das Problem (...) besteht (...) darin, auf der Grundlage des dualistischen Erkenntnismodells wissenschaftliche Theorien zur Erklärung von solchen Phänomenen zu entwickeln, die ihrerseits den Gesetzen des zweiwertigen Denkens nicht mehr gehorchen" (Ort 2007: 11).
    L.E.: Welche (sozialen) Phänomene gibt es denn, die diesen Gesetzen nicht mehr gehorchen? Mir fallen nur eher physikalische Phänomene ein, wie der Teilchen/Welle-Dualisms oder die Heisenberg'sche Unschärferelation. Gäbe es dann soziale (sic!) Phänomene?

    2.2) "Konkret wird das immer dann problematisch, wenn anstelle von statischen Zustands- oder Phänomenbeschreibungen dynamische Phänomene der Entwicklung dargestellt werden sollen" (Ort 2007: 11).
    L.E.: Man kann einwänden, dass das bei Luhmann kaum der Fall ist, beispielsweise die Integration der Evolutionstheorie in seiner Gesellschaftstheorie, aber auch die doppelte Kontingenz. Ort ist aber vermutlich auf einer anderen Ebene geringerer Systemkomplexität zuzustimmen.

    2.3) "Günthers Reflexionslogik (beschäftigt) sich nicht mehr mit 'statischen' Objekten, sondern mit Prozessen. (...). (Es ist ein) Modell, das einen (...) konsistenten Entwurf für die Datstellung evoluierender, prozessualer, das heißt, nicht-klassischer, also lebendiger Systeme liefert" (Ort 2007: 13 f., Hervorh. i. Ori.).

    <Leider verließ mich dann die Lust. Grund ist vermutlich, dass ich im Rahmen sozialer Systeme zu wenig mit "Regeln" anfangen kann, da man sich vermutlich eher mit der Kausalität in Luhmanns Theorie beschäftien muss. Das sagt aber nichts über die Qualität des Buches aus - es triff mein Thema eben nur am Rande>

    Donnerstag, 1. Mai 2014

    Exzerpt Luhmann GdG Kapitel I.IX Komplexität (S. 134-144)

    Zu Beginn möchte ich als erstes mit der Definition von Komplexität beginnen, um den Unterschied des Begriffes zu unserem Alltagsverständnis darzustellen. Dadurch wird die Stellung innerhalb der Komplexität .... 

    weiter geht es unter https://www.academia.edu/7037498/Exzerpt_Luhmann_GdG_Kapitel_1.IX_Komplexitat

    Samstag, 21. September 2013

    Hypothesen bei Niklas Luhmann als Einstieg zu empirischen Untersuchungen auf Gesellschaftsebene (von Lutz Ebeling)


    Hypothesen und zugehörige Überlegungen

    Differenzierungen stellen sich als Folge von Systemdifferenzierungen ein (vgl. Luhmann 1997: 597). D.h. im Umkehrschluss, dass sich Entdifferenzierung dadurch auszeichnet, dass Systeme zu Grunde gehen oder genauer Systemdifferenzierung abnimmt. Das Systeme zu Grunde gehen ist zwar ein notwendiges jedoch kein hinreichendes Kriterium - man denke an die flüchtigen Interaktionssysteme.

    Systemdifferenzierung ist rekursive Systembildung (vgl. Luhmann 1997: 597).

    Wenn aufgezeigt werden kann, dass in den einzelnen Teilsystemen bei allen unterschiedlichen inhaltlichen Ausprägungen dennoch identische Strukturen – binäre Codes, Programme, Selbstbeschreibungen, Beobachtungen zweiter Ordnung, Kontingenzformeln, strukturelle Kopplungen usw. – nachweisbar sind, dann könne das als Beleg für die These der funktionalen Differenzierung der modernen Gesellschaft geltend gemacht werden (vgl. König 2012: 8).

    Ausgehend von der leitenden Überlegung, dass Umbrüche in der Gesellschaftsstruktur durch semantische Innovationen vorbereitet oder auch durch eine trügerische Kontinuität in der Semantik verdeckt werden können, untersucht Luhmann anhand der historischen Entwick-lung von Begriffen wie z.B. Staat, Recht oder Individuum, in welchem Verhältnis Struktur und Semantik in verschiedenen gesellschaftlichen Ordnungen jeweils stehen[1] (vgl. König 2012: 9)

    Soziale Systeme können ihre Selbstreproduktion nur mit Hilfe von Selbstbeobachtungen und Selbstbeschreibungen durchführen (Luhmann 1984: 230):



    [1] Siehe die vier Bänder mit dem Titel Gesellschaftsstruktur und Semantik

    Synonyme, Erläuterungen

    Wenn ein soziales System entsteht wird das Ausdifferenzierung genannt (vgl. Luhmann 1997: 597)

    Literatur

    König, Tim (2012): Einführung in die Systemtheorie. Studienbrief Nr. 03198. FernUniversität in Hagen, Hagen. KSW.

    Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bände. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.



    (Lutz Ebeling, Stand 25.09.2013)