Freitag, 12. März 2021

[StGr] SoSe 2021 - "Kritische Auseinandersetzung mit der Systemtheorie" (Uni Bielefeld)

 Hi all,

hier ist ein interner Blog, der öffentlich ist ;-) Ein Schelm ist, wer denkt: das ist doch paradox? Hierzu empfehle ich von Sainsbury "Paradoxien" (Reclam).

Wir sehen uns auf Zoom gemäß ekVV am 13-April.

Ich bin mal gespannt. Gerne postet hier rein, was ihr wollt ...

ciao, Lutz


Sonntag, 8. März 2020

Ab wann ist man wirklich zugehörig zu etwas?

Zugehörig, was ist das?
Chester Bennington (Linkin Park)

Fragen über Fragen über Fragen

Seelische Not = Gefühl der Psyche
Dummheit = ein relativer Standpunkt
Desinteresse = die Fähigkeit zur Komplexitätsreduktion

Experimente in der Soziologie

Ja, rein wissenschaftlich wäre es interessant herauszubekommen, was der Fall ist, und was dahinter liegt (Luhmann)

Die Idee (wird vermutlich durch Stalker bereits praktiziert): Sich in Gruppen einschleichen (siehe das Buch zur Eckenstehergang ...); das mit Facebuck, dschiMail oder ähnlichem tun....

Who ever cares about folgenlosem Gerede

Eine geniale Frage: "Sind Selbstgespräche Kommunikation?"

Tyrell hat Luhmann angeblich mal gefragt, ob den das morgendliche Haarkämmen Kommunikation sei?

Luhmann hätte wohl geantwortet: Morgens nein, abends ja (weil man dann ausgeht, sich also die Haar für jemand anderes - Frau Gewissen? - kämmt ....)

Hi hi - wie immer eine irre Antwort

Montag, 14. Oktober 2019

Hatschiiii: Warum sagt 'man' kein "Gesundheit!" mehr?

Pascal: Kann es an der Individualisierungsthese von Parsons liegen?

Futuro (der feinfühliger Pilz): Nein, es liegt an Corona, der Göttin der Zucht und Ordnung:

Pascal: Nun, es ist doch gut, dass Ordnung existiert?

Nein, sagt Mäander, die Göttin der Mäeutik.

Ruhe da hinten, rief Pascal. Also Futuro, was willst du uns sagen?

Pascal: Schnuffel!!!!

Futuro: RRRRRrrrrrrggggggnnnnn, sein Drachen lenkt ihn wieder ab. Der ist aber auch so süß....

Pascal: Sorry, äh, was war die Frage? Außerirdische kommen zum Tee? Können die sich benehmen? (Luhmann)

Futuro: Mich interessiert deine Meinung zu Corona - zunächst: Es ist doch gut, dass die Massenmedien darüber berichten, oder?

Pascal: Oh, ja. Überleg' mal, was das für eine Aktivität ausgelöst hat. So ist man dem Erreger und seinem Vernichter doch viel schneller auf der Spur. Ich las, dass viele Forschungseinrichtungen dran sind - und Totoserve, mein Tenniskumpel meinte, ein Labor hätte schon erste Lösungen eines Impfstoffes 'entdeckt'. Und man kann sich doch mal in einer Firma auch Ruhe antun, oder?

Rego: Hallo!!!! Ich finde, das ist aber doch falsch!!!!

Medschedin: Bei uns feiern inzwischen alle krank - scheiß Revolution!

Pierro: Bleibt doch mal gelassen: was die die Sensations-Produktions-Maschine angeht (so meine Bezeichnung) spricht Niklas Luhmann in seinem Buch "Realität der Massenmedien" ganz sachlich(!!!) von einem "Anschein eines ... Faktenbezugs", und von „Inszenierung von Erzählungen“ (S. 140). Genauso ist es!

Hier das komplette Zitat: "Meinungskonflikte, die in den Massenmedien ausgetragen werden, operieren daher vielfach mit unterschiedlichen Kausalattributionen und geben sich dadurch den Anschein eines kompakten, nicht mehr auflösbaren Faktenbezugs. Ebenso erzeugen aber auch umgekehrt (und dies ist vielleicht der häufigere Fall) verkürzende Kausalattributionen Wertungen, Emotionen, Appelle, Proteste. Beides gilt für Nachrichten und Berichte, aber ebenfalls für die Inszenierung von Erzählungen und für eine …

Besonders charmant ist das Zitat auch deswegen, weil es in einem Kapitel vorkommt, dass die Überschrift "Die Konstruktion der Realität" trägt (Kapitel 11, S. 138).

Was ist eigentlich Realität, Wirklichkeit?

Na dann noch viel Spaß beim Denken



Dienstag, 6. August 2019

Was erklären Metaphern?

Zur Methode: Metaphern sind im Grunde Erklären durch Vergleich, also eher abduktive Theoriegenese - oder?

Donnerstag, 27. Juni 2019

Habermas - Theorie kommunikativen Handelns (1995a,b)

  1. Geltung == (hier "anerkennende Geltung") := Anerkennung, Ansehen, Beachtung, Wertschätzung; wobei "normative Geltung" := "empirische Anerkennung und Beachtung von Normen und juristischen Funktionsgegenständen" (Sandkühler 2010: 1263).
    1.  "Geltungsansprüche" sind "Wahrheit, Richtigkeit, Wahrhaftigkeit" (Edelmayer 2010: 32; vgl. Ha: 149, 376) und bei "[expressiven] Aussagen den Nachweis der Transparenz von Selbstdarstellungen" (Ha: 67). Diese Geltungsansprüche entsprechen den "drei Aktor-Weltbeziehungen": "der objektiven Welt [...]; der sozialen Welt [...]; der subjektiven Welt" (Ha: 149). 
    2. "Philosophische, objektive Gültigkeit (validity) := ist eine ausgezeichnete, zeitlose Qualität bestimmter Abstrakta wie: Propositionen und Urteile (davon abhängig auch: Sätze, die solche Urteile ausdrücken, und Meinungen über diese Urteile), logische Schlüsse, Erklärungen, Argumentationen, Beweise" (Sandkühler 2010: 1263).
  2. Rationalität (lat. ratio:=„Berechnung, Rechenschaft, Rechnung, Vernunft“ (Duden)) := 
    1. "bezieht sich auf die Fähigkeit von Personen, Verfahren des Begründens oder Rechtfertigens zu entwickeln, ihnen folgen und über sie zu verfügen zu können" (Sandkühler 2010: 3303); "begründete Behauptungen" und die "kritisiert werden" können (Ha: 34, 36).
    2. "Rationalität kann nicht mehr als einsehende Entfaltung und Beachtung vorgegebenen Sinnes verstanden werden. Sie ist zuallererst Reduktion von Komplexität" (Luhmann 1973: 14). "Reflexion erfordert, mit anderen Worten, die Einführung der Differenz von System-und Umwelt in das System. Wenn dies unter dem Gesichtspunkt der Einheit dieser Differenz geschieht, wollen wir von Rationalität sprechen" (Luhmann 1984: 617). 
    3. "In Zusammenhängen der Kommunikation nennen wir nicht nur denjenigen rational, der eine Behauptung aufstellt und diese gegenüber einem Kritiker begründen kann, indem er auf entsprechende Evidenzen hinweist. Rational nennen wir auch denjenigen, der eine bestehende Norm befolgt und sein Handeln gegenüber einem Kritiker rechtfertigen kann, indem er eine gegebene Situation im Lichte legitimer Verhaltenserwartungen erklärt. Rational nennen wir sogar denjenigen, der einen Wunsch, ein Gefühl oder eine Stimmung aufrichtig äußert, ein Geheimnis preisgibt, eine Tat eingesteht usw., und der dann einem Kritiker über das derart enthüllte Erlebnis Gewißheit  erschaffen kann, indem er daraus praktische Konsequenzen zieht und sich in der Folge konsistent verhält" (Ha: 34-35, Hervorh. d. Verf.), d.h. objektiv (Tatsache, konstativ, propositional wahr), sozial (Norm, regulativ, legitim) und subjektiv (Gefühl, expressiv, wahrhaftig) - gemäß den drei Weltbezügen (s.u.) (vgl. Ha: 34-36). Zu dem subjektiven Weltbezug kommen "evaluative Äußerungen" hinzu, wofür "gute Gründe" bestehen können, etwa "den Wunsch nach Ferien" (Ha: 36).
    4. Rein soziologisch geht es um "die Rationalität einer nicht nur vom Einzelnen, sondern von Kollektiven geteilten Lebenswelt" (Ha: 72).
  3. Vernunft := ist "das höchste Erkenntnisvermögen", wobei der "Verstand ein ihm untergeordnetes Moment oder Instrument" ist (Sandkühler 2010: 4298).
  4. Lebenswelt := "bezeichnet ganz allgemein die menschliche Welt in ihrer vorwissenschaftlichen Selbstverständlichkeit und Bedeutsamkeit. Obwohl der Begriff die Bestandteile ›Leben‹ und ›Welt‹ enthält, bezieht er sich dennoch auf ein einheitliches Phänomen: auf die Sinnstruktur der menschlichen Erfahrung, die in qualitativer Hinsicht durch Merkmale wie Vorreflexivität, Vertrautheit, Fraglosigkeit und Normalität charakterisiert ist" (Steinkühler 2010: 2108). Oder Lebenswelt := „die Gesamtheit der tatsächlichen und möglichen Erfahrungshorizonte menschlichen Lebens“ (Lautmann 1994a: 394; vgl. Husserl 1939: 48-49). Oder: "Deshalb sprechen Phänomenologen wie A. Schütz von der Lebenswelt als dem unthematisch mitgegebenen Horizont, innerhalb dessen sich die Kommunikationsteilnehmer gemeinsam bewegen, wenn sie sich thematisch auf etwas in der Welt beziehen" (Ha: 123; Abkürzung Ha:=Habermas 1995a, analog gilt Hb).
  5. Mit Hilfe der "Formalpragmatik" (früher Universalpragmatik) "geht es Habermas darum, jenes Regelsystem zu rekonstruieren, nach dem Situationen möglicher Rede (Verwendung von Sätzen in Äußerugen) hervorgebracht werden " Edelmayer (2010: 55).
  6. Die drei strukturellen Bestandteile von Sprechhandlungen sind: propositional, illokutionär und expressiv (Edelmayer 2010. 57-58). 
  7. Unterschied Lokution/Illokution:
    1. "Lokution ist der Akt, daß man etwas sagt"  (Strube 2017).
    2. "Illokution ist der Akt, den man vollzieht, indem man etwas sagt [...], z. B. raten oder feststellen; Austin spricht häufig auch von der «illocutionary force» einer Äußerung: Eine Äußerung hat die «Kraft» oder «Rolle» einer Feststellung" (Strube 2017).
    3. Oder: Ein "illokutionärer Akt" ist ein "von J. L. Austin eingeführter Terminus zur Bez. des Handlungszwecks der Äußerung eines lokutiven Akts [...]. Äußerungen kommt neben ihrer (zur Lokution gehörigen) Bedeutung eine spezif. Kraft (engl. force) zu, z. B. als Warnung oder als Versprechen oder als Frage etc. zu gelten. Indem man einen lokutiven Akt ausführt, führt man zugleich einen illokutiven Akt aus" (Glück/Rödel 2016: 281). 
    4. "Lokutionäre, illokutionäre und perlokutionäre Akte" und "performative Äußerungen": siehe Edelmayer (2010: 56-57) - bezugnehmen u.a. auf Austin (Ha: 389).
      1. "Mit lokutionären Akten drückt der Sprecher Sachverhalte aus; er sagt etwas. Mit illokutionären Akten vollzieht der Sprecher eine Handlung, indem er etwas sagt. [...] Mit perlokutionären Akten erzielt der Sprecher schließlich einen Effekt beim Hörer" (Ha: 389, Hervorh. getilgt).
      2. "Mit der illokutionären Kraft einer Äußerung kann ein Sprecher einen Hörer motivieren, sein Sprechaktangebot anzunehmen und damit eine rational motivierte Bindung einzugehen" (Ha: 376). Dies erfolgt normalerweise durch eine "performative Äußerung"; "sie vollziehen nämlich das, was sie aussagen" - bspw. "versprechen, befehlen" (Edelmayer 2010: 56).  Diese Kraft ein Sprechakt anzunehmen, heißt "commitment" (bei Searle), als Medium bei Parsons; Habermas baut es aus, wenn "wenn ein Sprecher die sprechakttypischen Commitments des Geltungsanspruchs einzulösen bereit ist, z. B. durch Begründungen, Missbilligungen oder Handlungen" (Preyer: 2018: 145, 158, 368, 163). Bei Luhmann sind die "commitments" eher die symbolisch generalisierte Medien, als eine "Form in einem Medium", hier der "Sprache" (WdG: 181).
      3. "Wie für illokutionäre Akte die Bedeutung des Gesagten konstitutiv ist, so für teleologische Handlungen die Intention des Handelnden" (Ha: 389).
      4. „Ich rechne also diejenigen sprachlich vermittelten Interaktionen, in denen alle Beteiligten mit ihren Sprechhandlungen illokutionäre Ziele und nur solche verfolgen, zum kommunikativen Handeln. Die Interaktionen hingegen, in denen mindestens einer der Beteiligten mit seinen Sprechhandlungen bei einem Gegenüber perlokutionäre Effekte hervorrufen will, betrachte ich als sprachlich vermitteltes strategisches Handeln“ (Ha: 396).
    5. Konstative Sprechakte sind solche, in denen Aussagesätze verwendet werden (Edelmayer 2010: 58). "Zusammenfassend läßt sich sagen, daß normenregulierte Handlungen, expressive Selbstdarstellungen und evaluative Äußerungen konstative Sprechhandlungen zu einer kommunikativen Praxis ergänzen" (Ha: 37).
    6. Es gibt "Weltbezüge (objektive, soziale, subjektive Welt)" gemäß Poppers Drei-Welten-Konzept (Edelmayer 2010: 32).
    7. Zu Sprechhandlungen:
      1. "Funktionen von Sprechhandlungen" (übernommen von Bühler) : "Der Darstellungsfunktion entspricht der Anspruch auf Wahrheit, der Selbstdarstellungsfunktion jener auf Wahrhaftigkeit und der interaktiven Funktion jener auf normative Gültigkeit" (Edelmayer 2010: 56).
      2. "Allgemein fasst Habermas Sprechhandlungen „als Mittel zum Zwecke der Verständigung auf“ (Habermas 1988b: 66), wobei dieser Zweck in zwei Aspekte unterteilt werden kann, nämlich einerseits, „daß der Hörer die Bedeutung des Gesagten verstehen und [andererseits, E.E.] die Äußerung als gültig anerkennen möge“ (ebenda, Hervorh. i. Ori.)" (Edelmayer 2010: 56).
      3. "Sprechhandlungen (elementare Äußerungen [bilden] die grundlegenden Einheiten der Rede" (Edelmayer 2010: 55) - siehe oben dazu den philosophischen Grundbegriff der Geltung.
      4. "Die formale Semantik legt einen begrifflichen Schnitt zwischen die Bedeutung eines Satzes und die Meinung des Sprechers, der mit dem Satz, wenn er ihn in einem Sprechakt verwendet, etwas anderes sagen kann, als dieser wörtlich bedeutet. [...] Unsere Analyse beschränkt sich [...] auf Sprechhandlungen, die unter Standardbedingungen ausgeführt werden. Damit soll sichergestellt werden, daß ein Sprecher nichts anderes meint als die wörtliche Bedeutung dessen, was er sagt" (Ha: 400). 
    8. "Ein Argument besteht aus mehr als nur einer Aussage: es besteht aus einer Konklusion und den Gründen, die zu ihrer Stützung angegeben wurden" (Salmon 1983: 8). 
      1. "Argumentation nennen wir den Typus von Rede, in dem die Teilnehmer strittige Geltungsansprüche thematisieren und versuchen, diese mit Argumenten einzulösen oder zu kritisieren. Ein Argument enthält Gründe, die in systematischer Weise mit dem Geltungsanspruch einer problematischen Äußerung verknüpft sind" (Ha: 38, Hervorh. getilgt). 
      2. Da die "kommunikative] Praxis [...] auf [...] [Konsens] angelegt ist, [...] der auf der intersubjektiven Anerkennung kritisierbarer Geltungsansprüche beruht", zeigt sich "die dieser Praxis innewohnende[n] Rationalität [...] darin, daß sich ein kommunikativ erzieltes Einverständnis letztlich auf Gründe stützen muß" (Ha: 37, Hervorh. getilgt). Deswegen muß "der Begriff der kommunikativen Rationalität [...] durch eine Theorie der Argumentation angemessen expliziert werden" (Ha: 38).
      3. "Die »Stärke« eines Arguments bemißt sich, in einem gegebenen Kontext, an der Triftigkeit der Gründe; diese zeigt sich u. a. daran, ob ein Argument die Teilnehmer eines Diskurses überzeugen, d. h. zur Annahme des jeweiligen Geltungsanspruchs motivieren kann" (Ha: 38).
      4. Die in "Äußerungen [...] erhobenen Geltungsansprüche" lassen sich in füf "Aussageformen" einteilen: "Wahrheit [....] normative Sätze [...] evaluative Sätze (oder Werturteile) [...], Explikationen" und "expressive Aussagen" (Ha: 66-67).  (Die ersten vier sind universale Geltungsansprüche (Ha: 71).)
      5. "Sobald sich kulturelle Handlungssysteme wie Wissenschaft, Recht und Kunst ausdifferenzieren, beziehen sich die institutionell verstetigten, professionell eingerichteten, also von Experten durchgeführten Argumentationen auf solche höherstufigen Geltungsansprüche, die nicht an einzelnen kommunikativen Äußerungen, sondern an kulturellen Objektivationen, an Kunstwerken, Moral- und Rechtsnormen oder an Theorien haften" (Ha: 68).
    9. Folgende "Handlungstypen" ("kennzeichnende Sprechakte") mit ihrer "Weltbeziehung" unterscheidet Habermas: "strategisches Handeln" (Perlokutionen, Imperative) und "Konversation" (Konstative) in der "objektive[n] Welt", "normenreguliertes Handeln" (Regulative) in der "soziale[n] Welt", "dramaturgisches Handeln" (Expressive) in der "subjektiven Welt" (Ha: 439). Für Habermas sind das "Grenzfälle des kommunikativen Handelns" (Ha: 438) oder "Handlungstypen erster Stufe" (Ha: 174).
    10. Habermas spricht von "kommunikativen Handlungen, wenn die Handlungspläne der beteiligten Aktoren nicht über egozentrische Erfolgskalküle, sondern über Akte der Verständigung koordiniert werden", also keine "strategisch[e]" oder "erfolgsorientierte Handlung" (Ha: 385, Hervorh. getilgt). "Einverständnis ist propositional differenziert" (Ha: 386).
    11. Hinführung zum kommunikativen Handeln:
      1. Zwar "bietet nicht jede sprachlich vermittelte Interaktion ein Beispiel für verständigungsorientiertes Handeln", jedoch zeigt Habermas, dass "der verständigungsorientierte Sprachgebrauch der Originalmodus ist": durch die "Unterscheidung zwischen Illokutionen und Perlokutionen" (Ha: 388, Hervorh. i. Ori.). 
      2. "Ein teleologisch handelnder Sprecher muß sein illokutionäres Ziel, daß der Hörer das Gesagte versteht und die mit der Annahme des Sprechaktangebots verbundenen Verpflichtungen eingeht, erreichen, ohne daß er sein perlokutionäres Ziel verrät. Dieser Vorbehalt verleiht Perlokutionen den eigentümlich asymmetrischen Charakter von verdeckt strategischen Handlungen. Dies sind Interaktionen, in denen sich mindestens einer der Beteiligten strategisch verhält, während er andere Beteiligte darüber täuscht, daß er diejenigen Voraussetzungen nicht erfüllt, unter denen normalerweise illokutionäre Ziele nur erreicht werden können. Auch deshalb eignet sich dieser Typus von Interaktion nicht für eine Analyse, die den sprachlichen Mechanismus der Handlungskoordinierung mit Hilfe des illokutionären Bindungseffekts von Sprechhandlungen erklären soll. Für diesen Zweck empfiehlt sich ein Typus von Interaktion, der nicht mit den Asymmetrien und Vorbehalten von Perlokutionen belastet ist. Diese Art von Interaktionen, in denen alle Beteiligten ihre individuellen Handlungspläne aufeinander abstimmen und daher ihre illokutionären Ziele vorbehaltlos verfolgen, habe ich kommunikatives Handeln genannt" (Ha: 395, Hervorh. i. Ori.).
      3. "Ich rechne also diejenigen sprachlich vermittelten Interaktionen, in denen alle Beteiligten mit ihren Sprechhandlungen illokutionäre Ziele und nur solche verfolgen, zum kommunikativen Handeln. Die Interaktionen hingegen, in denen mindestens einer der Beteiligten mit seinen Sprechhandlungen bei einem Gegenüber perlokutionäre Effekte hervorrufen will, betrachte ich als sprachlich vermitteltes strategisches Handeln" (Ha: 396). "Kommunikatives Handeln zeichnet sich gegenüber strategischen Interaktionen dadurch aus, daß alle Beteiligten illokutionäre Ziele vorbehaltlos verfolgen, um ein Einverständnis zu erzielen" (Ha: 397).
      4. Um von Sprechhandlungen zum kommunikativen Handeln zu kommen, muss man unterscheiden: "zwischen einer Sprechhandlung und dem Interaktionszusammenhang, den sie durch ihre handlungskoordinierende Leistung konstituiert", weil "Sprechhandlungen als Koordinationsmechanismen für andere Handlungen funktionieren" (Ha: 397).
      5. Genauer: "Für institutionell gebundene Sprechhandlungen lassen sich stets bestimmte Institutionen angeben; für institutionell ungebundene Sprechhandlungen lassen sich lediglich allgemeine Kontextbedingungen angeben, die typischerweise erfüllt sein müssen, damit ein entsprechender Akt gelingen kann. Um zu erklären, was Wett- oder Taufakte bedeuten, muß ich mich auf die Institution der Wette oder der Taufe beziehen. Hingegen stellen Befehle oder Ratschläge oder Fragen keine Institutionen dar, sondern Sprechhandlungstypen, die zu sehr verschiedenen Institutionen passen" (Habermas 1976: 221, zit. i. Ha: 397).
    12. Kennzeichnend für kommunikatives Handeln ist also das Einverständnis: "Verständigung funktioniert als handlungskoordinierender Mechanismus nur in der Weise, daß sich die Interaktionsteilnehmer über die beanspruchte Gültigkeit ihrer Äußerungen einigen, d. h. Geltungsansprüche, die sie reziprok erheben, intersubjektiv anerkennen" (Ha: 148).
    13. zum Anschluss von Handlungen: Damit H (der Hörer) "weiß [...], wie er seine Handlungen an die Handlungen von S anschließen könnte", muss er sowohl die "Akzeptabilitätsbedingungen" und die "Erfüllungsbedingungen" annehmen bzw. erfüllen, als auch die "Bedingungen für das Einverständnis, welches die Einhaltung der interaktionsfolgenrelevanten Verbindlichkeiten erst begründet" annehmen; bspw. einen "Machtanspruch", bei dem "die Erfüllungsbedingungen durch Sanktionsbedingungen ergänzt werden" müssen (Ha: 402-404, Hervorh. getilgt). Eine Begründung kann aber auch sein, sich "auf die Gültigkeit von Normen [berufen]" (Ha: 405). Der "Geltungsanspruch", der "intern mit Gründen verknüpft" ist, kann "in Form einer Kritik zurückgewiesen" werden (Ha: 405).
    14. "rational motivieren": "Ein Sprecher [verdankt] die bindende Kraft [...] dem Koordinationseffekt der Gewähr, die er dafür bietet, den mit seiner Sprechhandlung erhobenen Geltungsanspruch gegebenenfalls einzulösen" (Ha: 406, Hervorh. i. Ori.). 
    15. Zur Gesellschaftstheorie
      1. "Die Modernisierung von Gesellschaften [kann] als Rationalisierung beschrieben werden" (Ha: 8; Abkürzung Ha:=Habermas 1995a, analog gilt Hb).
      2. "Für jede Soziologie mit gesellschaftstheoretischem Anspruch, wenn sie nur radikal genug verfährt, [stellt] das Problem der Rationalität gleichzeitig auf metatheoretischer, auf methodologischer und auf empirischer Ebene" (Ha: 23)  (mehr zu den Ebenen siehe unten).
      3. Es "kann die Gesellschaft aus der Beobachterperspektive eines Unbeteiligten nur als ein System von Handlungen begriffen werden, wobei diesen Handlungen, je nach ihrem Beitrag zur Erhaltung des Systembestandes, ein funktionaler Stellenwert zukommt. [...] Ich möchte deshalb vorschlagen, Gesellschaften gleichzeitig als System und Lebenswelt zu konzipieren" (Hb: 179-180). (Zur Gesellschaftstheorie in Habermas Werk siehe Jäger/Baltes-Schmitt 2003).
      4. Trends zur Rationalisierung der Lebenswelt gehen "nicht auf ein zugeschriebenes normatives Einverständnis zurück-, sondern [gehen] aus den kooperativen Deutungsprozessen der Beteiligten selbst hervor" (Hb: 220, Hervorh. i. Ori.). (Autopoiesis?)
      5. Es "ergibt sich [...] nicht, daß sich das über soziale Räume und historische Zeiten ersteckende Gewebe von Interaktion allein aus Absichten und Entscheidungen der Beteiligten erklären ließe" (Hb: 224) (Widerspricht er hier der Rational Choice, siehe einschränkend Schimank mit Zusammenwirkenden Handeln
      6. "Indem sich die Interaktionsteilnehmer miteinander über ihre Situation verständigen, stehen sie in einer kulturellen Überlieferung, die sie gleichzeitig benützen und erneuern; indem die Interaktionsteilnehmer ihre Handlungen über die intersubjektive Anerkennung kritisierbarer Geltungsansprüche koordinieren, stützen sie sich auf Zugehörigkeiten zu sozialen Gruppen und bekräftigen gleichzeitig deren Integration; indem die Heranwachsenden an Interaktionen mit kompetent handelnden Bezugspersonen teilnehmen, internalisieren sie die Wertorientierungen ihrer sozialen Gruppe und erwerben generalisierte Handlungsfähigkeiten" (Hb: 208).
      7. "Unter dem funktionalen Aspekt der Verständigung dient kommunikatives Handeln der Tradition und der Erneuerung kulturellen Wissens; unter dem Aspekt der Handlungskoordinierung dient es der sozialen Integration und der Herstellung von Solidarität; unter dem Aspekt der Sozialisation schließlich dient kommunikatives Handeln der Ausbildung von personalen Identitäten. Die symbolischen Strukturen der Lebenswelt reproduzieren sich auf dem Wege der Kontinuierung von gültigem Wissen, der Stabilisierung von Gruppensolidarität und der Heranbildung zurechnungsfähiger Aktoren. Der Reproduktionsprozeß schließt neue Situationen an die bestehenden Zustände der Lebenswelt an, und zwar in der semantischen Dimension von Bedeutungen oder Inhalten (der kulturellen Überlieferung) ebenso wie in den Dimensionen des sozialen Raumes (von sozial integrierten Gruppen) und der historischen Zeit (der aufeinander folgenden Generationen). Diesen Vorgängen der kulturellen Reproduktion, der sozialen Integration und der Sozialisation entsprechen die strukturellen Komponenten der Lebenswelt Kultur, Gesellschaft und Person" (Hb: 208-209).
    16. dreiteilige "Ebene[n]"-Struktur der soziologischen Theorie: 
      1. "methatheoretisch": ein "handlungstheoretisch[er] Rahmen, der im Hinblick auf rationalisierungsfähige Aspekte des Handelns konzipiert ist" (Ha: 22).
      2. "methodologisch": eine "Theorie des Sinnverstehens, die interne Beziehungen zwischen Bedeutung und Geltung (zwischen der Explikation der Bedeutung einer symbolischen Äußerung und der Stellungnahme zu deren impliziten Geltungsansprüchen) klärt" (Ha: 22).
      3. "empirisch": "ob und in welchem Sinne die Modernisierung einer Gesellschaft unter dem Gesichtspunkt von kultureller und gesellschaftlicher Rationalisierung beschrieben werden kann" (Ha: 22).
    17. "Die Lebenswelt als der Horizont, in dem sich die kommunikativ Handelnden »immer schon« bewegen, [wird] ihrerseits durch den Strukturwandel der Gesellschaft im ganzen begrenzt und verändert" (Hb: 182). (Meiner Meinung nach eine Verallgemeinerung der Kolonialisierungsthese.) 
    18. "In strukturell ausdifferenzierten Lebenswelten prägt sich ein Vernunftpotential aus, das nicht auf den Begriff der Steigerung von Systemkomplexität gebracht werden kann" (Ha: 10).
    19. "Kulturelle Deutungssysteme oder Weltbilder, die das Hintergrundwissen sozialer Gruppen spiegeln, [bürgen] [...] für einen Zusammenhang in der Mannigfaltigkeit ihrer Handlungsorientierungen" (Ha: 73). Habermas will sich nach den "Bedingungen erkundigen, die die Strukturen handlungsorientierender Weltbilder erfüllen müssen, wenn für diejenigen, die ein solches Weltbild teilen, eine rationale Lebensführung möglich sein soll" (Ha: 73).
    Meine gewonnenen Erkenntnisse:
    1. Es existiert kein normativ-kritischer Bias, die Handlungs-Theorie ist wertneutral angelegt - auch die Gesellschaftstheorie in ihrer Basis (System/Lebenswelt). Das erkennt man etwa an seinem Kommentar zum Entdeckungszusammenhang: "Diese Bemerkung (o.g. These der Unabhängigkeit von Vernunft und Systemkomplexität, d. Verf.) betrifft freilich nur den motivationalen Hintergrund, nicht das eigentliche Thema" (Ha: 10). Anders ist das bei Schlußfolgerungen  - bpsw. der Kolonialisierungsthese - oder Bemerkungen, etwa: "sozial desintegrierenden Nebenfolgen dieses Wachstums" (Ha: 10). 
    2. Bei der These der "Kolonialisierung der Lebenswelt" habe ich Bedenken: Ist das überhaupt negativ zu bewerten  (Ha:10)? Warum ist das ein Problem? 
    3. Statt des Begriffs Sprechhandlungen ließe sich auch von Kommunikationen reden. Denn es wird etwas gesagt (Information) und soll etwas verstanden werden (Verstehen) (siehe oben Punkt 10.2 Sprechhandlungen) - neu ist: es soll auch als gültig anerkannt werden (vgl. Edelmayer 2010: 56). Aber: Es fehlt die Mitteilung, da (siehe Punkt 10.4), da zu Standardbedingungen die Bedeutung und das Gemeinte idealiter identisch konzipiert wird. (Es stellt sich die Frage, ob an einer anderen Stelle des Werkes der Unterschied von beidem bearbeitet wird. Denn daraus würden sich latente Strukturen (Beobachter zweiter Ordnung) entdecken lassen.)
    4. Habermas thematisiert auch wie Luhmann die Gründe der Anschlussfähigkeit von Handlungen (siehe Punkt 16), jedoch nicht über Medien, sondern über Gründe (also im Grunde über Regeln?). Außerdem gibt es "Quellen generalisierter Annahmebereitschaft [...] Stärke [...] Besitz [...] Wissen [...] Zurechnungsfähigkeit" (Hb: 271), was an die Kommunikationsmedien (Macht, Geld/Eigentum, Wissen, Liebe) bei Luhmann erinnert. Inwieweit kann man von Habermas was übernehmen (yBe)?
    5. Leider befasst das kommunikative Handeln sich nicht mit allem sozialen Handeln, denn Habermas schreibt: "Nachdem ich kommunikative Handlungen von allen übrigen sozialen Handlungen durch ihren illokutionären Bindungseffekt abgegrenzt habe ..." (Ha: 410-411); es ist also keine universale Handlungstheorie!
    6. Luhmanns Kommunikationstheorie müsste um den Formalpragmatismus von Habermas erweitert werden (yBe). In seiner Konsequenz ließen sich zwischen Systemen die strukturelle Kopplungen als kausale Relationen von Gründen darstellen
      1. Information=Erleben=Geltungsgründe(Propositionen); 
      2. Mitteilung=Handeln=Funktionen von Sprechhandlungen (Darstellung/Wahrheit; Selbstdarstellung/Wahrhaftigkeit; Interaktion/Normativität) - Problem: Konflikt mit der Medientheorie? Oder genau diese dabei integrieren?
    7. Interessen (WdG, yBe), Lebenswelt (yBe).


    -------Literatur, Siglen
    • Edelmayer, Erika (2012): Das diskursfähige Subjekt. Rekonstruktionspfade einer sozialtheoretischen Denkfigur im Werk von Jürgen Habermas. Wiesbaden: Springer VS.
    • Glück, Helmut; Rödel, Michael (Hg.) (2016): Metzler Lexikon Sprache. 5. Aufl. Stuttgart: J.B. Metzler.
    • Habermas, Jürgen (1976): Was heißt Universalpragmatik? In: Karl-Otto Apel (Hg.): Sprachpragmatik und Philosophie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 174–272.
    • Habermas, Jürgen (1995a): Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. 2 Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp (1).
    • Habermas, Jürgen (1995b): Theorie des kommunikativen Handelns. Band 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft. 2 Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp (2).
    • Husserl, Edmund (1939): Erfahrung und Urteil. Untersuchungen zur Genealogie der Logik. (Hg. Ludwig Landgrebe.) Prag: Academia.
    • Jäger, Wieland; Baltes-Schmitt, Marion (2003): Jürgen Habermas. Einführung in die Theorie der Gesellschaft. Wiesbaden: VS.
    • Lautmann, Rüdiger (1994a): Lebenswelt. In: Werner Fuchs-Heinritz, Rüdiger Lautmann, Otthein Rammstedt und Hanns Wienold (Hg.): Lexikon zur Soziologie. 3. Aufl. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 394.
    • Luhmann, Niklas (1973): Zweckbegriff und Systemrationalität. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    • Luhmann, Niklas (1990): Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    • Preyer, Gerhard (2018): Soziologische Theorie der Gegenwartsgesellschaft II. Lebenswelt - System - Gesellschaft. Wiesbaden: Springer VS.
    • Salmon, Wesley C. (1983): Logik. Stuttgart: Reclam.
    • Sandkühler, Hans Jörg (Hg.) (2010): Enzyklopädie Philosophie. 3 Bände. Hamburg: Meiner.
    • Strube, Werner (2017): Lokutionärer Akt/illokutionärer Akt. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel, Stefan Lorenz, Winfried Schröder und Klaus Foppa (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie online. Basel: Schwabe Verlag. Online verfügbar unter https://bit.ly/32R9e7y, zuletzt geprüft am 25.07.2019.
    Siglen:
    • WdG=Wissenschaft der Gesellschaft: Luhmann 1990.

    Sonntag, 25. November 2018

    Abduktion - mit Bezugsproblemen die Methode Luhmanns?

    Zunächst die Basis:


    (Kromrey 2010: 80)

    oder mit Peirces Worten:

    Regel (Hypothese, Gesetz, Prinzip)
    Fall (Ursache, Bedingung)
    ---
    Resultat (Wirkung)



    (Schubert 2009: 345)
    "Abduktion – Kreatives Handeln" (Schubert 2009: 345) 
    (natürlich neben der Induktion...)









    (Bateson 1993: 178)

    Und wie ist die Methode bei Durkheim? Abduktiv? Suche nach vergleichenden Fällen sozialer Milieus? (Dann ist es wohl mit Hilfe eines Bezugsproblems nicht weit zur funktionalen Methode bei Luhmann - oder? Der Fall der Ökonomie, der Fall des politischen Systems, .... - die Funktionssysteme?)
    (Durkheim 2011: 214-215)




    (Peirce 1965: 153, 374)
    In Abwandlung mit Peirces Original, dass "All beans in this bag are white" (Peirce 1965: 374):  Könnte man Fälle suchen, die aus einer Schachtel, einem Universum oder einem Funktionssystem stammen?
    (Man beachte, dass Peirce auch "Hypothesis" schreibt, wenn er aus hier der Sicht "Abduction" meint; genauere Gründe dazu siehe Reichertz 2013.)

    ---
    Dieser o.g. vermutete Begründungszusammenhang entstand  im Entstehungszusammenhang dankenswerter Fragen von Laura, Felix, Can, Jan und Bernd: vielen Dank an euer großartiges Denken in einer Semantikwolke, auf der man gerne schwebte ....


    ---- Literatur
    - Bateson, Gregory (1993): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. 3. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    - Durkheim, Émile (2011 [1895]): Regeln der Beweisführung (Sechstes Kapitel). In: Émile Durkheim (Hg.): Die Regeln der soziologischen Methode. 7. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 205–217.
    - Kromrey, Helmut (2010): Empirische Sozialforschung. Kurseinheit 1: Empirische Theorie, Forschungsprozess und Operationalisierung. Studienbrief Nr. 03607, FernUniversität in Hagen. KSW.
    - Peirce, Charles Sanders (1965 [1931, ~1893]): Collected papers of Charles Sanders Peirce. I and II. I: Principles of Philosophy, II: Elements of Logic. Charles Hartshorne and Paul Weiss (Hg.). 3. Aufl. 8 Bände. Cambridge, Mass.: Belknap Press of Harvard Univ. Press (1/2).
    - Reichertz, Jo (2013): Die Abduktion in der qualitativen Sozialforschung. Über die Entdeckung des Neuen. 2. Aufl. Wiesbaden: Springer VS.
    - Schubert, Hans-Joachim (2009): Pragmatismus und Symbolischer Interaktionismus. In: Georg Kneer und Markus Schroer (Hg.): Handbuch Soziologische Theorien. Wiesbaden: VS, S. 345–367.

    Dienstag, 16. Oktober 2018

    Subsystembildung in einer 15 Leute starken Seminar-Interaktion an der Uni

    Mit einem Schlage bildeten sich vier Subsysteme in der Interaktion - nicht nur alle vier gleichzeitig, sondern gleich zweimal während des Seminars heute ([16-Okt-2018], 16-1800h). Einmal schien das Detailthema "erschöpft" - und alle merkten es gleichzeitig? Das anderes Mal war es eher inhaltlich amüsant - sodass man sich noch mal in der Nachbarschaft austauschen musste?

    Sehr spannend zu beobachten, nächsten Dienstag weiter....

    Samstag, 17. Juni 2017

    Erklär´s mir, RWTH!: Professor Thomas Kron über Gründe für Gewalt, Teil 4 (nicht autorisiertes Transkript)


    Das Video von Thomas Kron ist hier zu finden:
    https://www.youtube.com/watch?v=rAktU5P27aY
    (Zu letzt geprüft am 17.06.2017)

    Das Transkript (ein wenig für die lesbare Form angepasst):
    Man hat früher gedacht hatte, es gebe einen Hauptgrund der zu Terrorismus führt, also die These "Armut führt zu Terrorismus". Das ist empirisch schlichtweg falsch. Solche Gründe konnten sich konnten sich nie bestätigen, als einzige Gründe,  d.h. wir haben immer so eine Konfiguration von Gründen zu tun, die dann den Terrorismus wahrscheinlicher machen:
    1. Zum einen könnte man sagen, es gibt politische Gründe: Das sehen wir jetzt beim islamischen Staat, der ein ganz klares politisches Ziel hat, nämlich er möchte selbst einen Staat gründen, der islamische Staat ist ein Staatsgründungsprojekt, was bei Al Qaida noch nicht so der Fall gewesen ist. 
    2. Dann gibt es oft ökonomische Gründe; also der Versuch, gewisse Ungleichheiten oder Nachteile, die die Terroristen sehen, auszugleichen; also der Osten, der Nahe Osten vor allen Dingen, der gegenüber dem Westen - wenn man das so ganz pauschal sagen will - in den letzten hundert Jahren sich als ökonomische Verlierer betrachten muss, obwohl er in der Geschichte vorher eigentlich gute Ausgangspositionen hatte nicht so weit hinterherzuhinken.
    3. Dann gibt es - das wird häufig angewandt - gemeinschaftliche Gründe: Das ist das Theorem aus der Sozialpsychologie der sozialen relativen Deprivation. D.h. es gibt Menschen auf der Welt, die merken, ich bin benachteiligt, und dann gucken sie auf ihre Nachbarn, und stellen im Vergleich fest, dass man besonders benachteiligt ist. Und wenn man sich die sozialstrukturellen Daten anguckt von Kindersterblichkeit, Ärzte pro Einwohner, Bruttosozialprodukt pro Kopf usw.; dann sieht man, dass die meisten Staaten im Nahen Osten etwa im Vergleich zu Europa komplett hinterherhinken. Und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zusagen, na ja gut, denen, den wir hinterherhinken, die sind auch Schuld an unserem Mangel, den wir jetzt gerade erleiden. 
    4. Und als viertens könnte man auch kulturelle Gründe mit hineinnehmen, also beispielsweise (das ist klar) beim islamistischen Terrorismus etwas religiöse Gründe. Der heißt ja nur so, oder wird so bezeichnet, weil er eben auch etwas mit dem Islam zu tun hat, auch wenn sich viele Verteter von muslimischen Gruppen nach jedem Anschlag bemüssigt fühlen zu sagen, das hätte nichts mit dem Islam zu tun. Aber de facto hat es das natürlich doch, weil die Terroristen sich immer wieder darauf berufen; und weil solche Konzepte wie Dschihad oder Märtyrertum sind eben religiöse Konzepte. 
    D.h .wir haben hier ein Gemengelage aus ganz verschiedenen sehr komplexen Gründen, die je nachdem um welchen Terrorismus es sich handelt, mehr oder weniger vorkommen. Aber es ist nie nur ein Parameter, d.h. man findet auch wenn man dann über Gegenmaßnahmen spricht, ist es nicht besonders klug, sich nur auf einen Faktor zu stützen, weil einem niemand garantiert, dass wenn man einen Faktor wegnimmt, dass der Terror dann aufhört.

    Freitag, 2. Juni 2017

    Evolution und Hypothese(n)?

    Wie ich finde erklärt Evolution mit seinen drei Mechanismen zunächst wenig, es sei den man packt die Darwins Hypothese "Survival of the Fittest" hinzu.

    1. Aber wie hieße die These bei Luhmann dazu? Gibt es da eine? Ich muss dringend das Evolutionskapitel in GdG noch mal lesen (irgendwie habe ich da was überlesen)....
    2. Heißt das, dass Mechanismen grundsätzlich nichts erklären? Ich muss dringend Rainer Schützeichels Veröffentlichung(en) dazu lesen....

    Irritationsgestaltung (Mölders) vs. Irritationen vs. Grenzstellen (beides Luhmann)

    Ganz interessant, dass Kieserling das Thema Grenzstellen aufgreift - ich bin sehr gespannt auf sein Seminar dieses Semester. Denn Strukturelle Kopplung kann man sicherlich bei Luhmann weiter ausarbeiten - wei beispielsweise die Kopplung "über" Organisationen (Lieckweg). Frage bleibt, ob das nicht nur "einfach" eine - oder besser N - Ausdifferenzierung der beteiligten N Funktionssysteme ist?

    Sonntag, 12. Februar 2017

    Einsteins Welt, Sophie's Welt, eine Welt

    Einstein:





    Sophie:
    Sophie ist jemand anderes als Sofie, aber sie sind sich schon irgendwie ähnlich

    Handwackel-Lieder

    Samstag, 28. Mai 2016

    Wie sind Irritationen durch Intervention in Schnittstellen möglich?

    Ein Kommentar zum Textausschnitt von Baecker 2005: 254-278 mit Hilfe der Leitfrage von Mölders (2016):

    1) Wer oder was irritiert wen oder was  (Mölders 2016)?
    Baecker diskutiert die Intervention in Verhältnisse zwischen Kommunikation und Bewusstsein (273), d.h. Kommunikation irritiert Bewusstsein und vice versa (261, 268). Im Rahmen einer Interaktion sind dies zwei Perspektiven: Zum einen ist es die Interpretation einer Kommunikation, beispielsweise ein Thema (258); zum anderen ist es das Handeln und Erleben des Individuums durch sein Bewusstsein (261).

    2) Wie wird irritiert und wozu (Mölders 2016)?
    Irritation erfolgt durch Intervention in die Schnittstellen zwischen Kommunikation und Bewusstsein (276). Intervention ist definiert als "Konflikt" im Hinblick auf die "Schnittstelle" (276). D.h. es wird ein Konflikt reflektiert, um die Schnittstellen zu variieren (276). Hinzu kommt, dass die Schnittstelle ein bestimmtes Design besitzt. Dieses ist definiert als eine "Form" im Hinblick auf ihre "Funktion" (265). Dadurch wird der Konflikt im Hinblick auf die Form dieses Design verarbeitet. Die Schnittstelle kann bei dieser Intervention in ihrer Funktion so variiert oder neu gestaltet werden, dass der Konflikt als Form weniger auffällt. Baecker nennt ein Beispiel, in dem Verstöße gegen die Verkehrsordnung gefilmt und bei der Polizei zur Kenntnis gebracht werden (277). Hier werden somit Konflikte markiert (gefilmt) und in der Schnittstelle (Design Recht/Polizei) als eine Funktion (Verstoß gegen gesetztes Recht) verarbeitet.

    3) Zwei Hypothesen warum die Intervention überhaupt verarbeitet werden sollte:
    Baecker erklärt vielleicht indirekt, warum überhaupt eine Störung überhaupt verarbeitet wird. Voraussetzung ist die Annahme (in Anlehnung an Luhmann), dass eine vollständige Bestimmtheit des Sozialen das Unbestimmte eine unverzichtbare Rolle spielt (254). Konkreter sind dies beim Bewusstsein wie bei der Kommunikation deren Endloshorizonte, aus denen immer wieder neue Sinnverweisungen gewonnen werden können, und die es ermöglichen, Bestimmtheiten auf Unbestimmtheiten zurückzurechnen  (267). (Erstaunlicherweise benutzt Baecker hier nicht den Begriff der Kontingenz.) Diese Unbestimmtheit konkretisiert sich offenbar in der oben genannten Schnittstelle (so meine erste Hypothese), bei der die Aufmerksamkeit dadurch sichergestellt werden kann, dass sie zwischen Irritation und Faszination oszilliert (269). (Hierbei benutzt er den Begriff der Irritation eher umgangssprachlich und nicht als theoretischen Begriff wie bei Luhmann oder in unserem Seminar.) Es geht also darum, dass das Design die Schnittstelle zwischen Kommunikation und Bewusstsein so besetzt ist, dass selektiv ausgelotet wird welche kommunikativen Absichten mit welchem Typ von Wahrnehmung verbunden oder strukturell gekoppelt werden können. Dass es überhaupt zur Aufmerksamkeit kommt (so meine zweite Hypothese) ist in Anlehnung an Luhmann, dass die Störung zunächst eine Komplexitätszunahme verursacht (für die Polizei ist der angezeigte Verstoß zunächst als Kommunikation unbestimmt, erst in der Wahrnehmung des Individuums wird es als relevantes Thema erlebt), welche in Form von Komplexitätsreduktion verarbeitet wird (als Vorgang im Rechtssystem: D.h. der Verstoß wird als Protokoll verschriftlicht und als Prozess in die Verwaltung gegeben).


    (Von Lutz Ebeling, 28.05.2016)

    ----------------------
    Literatur:

    • Baecker, Dirk (2005): Form und Formen der Kommunikation. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    • Mölders, Marc (2016): Irritationsgestaltung. Seminare im WiSe 2014_15 und SoSe 2016, ekVV-Belegnummern: 300168 bzw. 300148. Universität Bielefeld. Online verfügbar unter https://ekvv.uni-bielefeld.de/kvv_publ/publ/vd?id=37979814, zuletzt geprüft am 08.04.2016.

    Samstag, 14. Mai 2016

    Wie sind Irritation durch Spiele möglich? (zu Hutter 2015: 9-33, 235-251)


    Zusammenfassung der Textausschnitte:
    Hutter nutzt die Metapher des Spiels um das Handeln von Akteuren in den verschiedenen gesellschaftlichen, je autonomen Wertsphären, Feldern oder Funktionssystemen zu beschreiben - konkret Kunst oder Wirtschaft (14). Das Handeln oder die Spiele erfolgen nach Spielregeln und Spielzügen, die ähnlich den Wertsphären abgeschlossene und begrenzte Ordnungen darstellen (18 f.).

    Zur Leitfrage des Seminars Mölders (2016) - zunächst (a) zum 'Wer' irritiert. Es scheinen die "Spielzüge" und die entsprechend handelnden Akteure zu sein: "[I]n ihrer Verschiedenheit geraten kommerzielle Spielzüge und kulturelle Spielzüge ständig aneinander und ineinander" (32); (b) zum  'Wie': Neben dem genannten Aneinandergeraten sind es "Übertragungen[en]" oder "Translation[en]" hervorgerufen durch "Erfindung" und (Kapital-)"Akkumulation" (235); (c) zum 'Wozu': Diese Übertragungen (von Produktionen der kommerziellen Welten) führen zu "Variationen der Wertschöpfung" (236), womit weitere Erfindungen gemeint sein könnten - und zwar in der Wertsphäre, in die übertragen wurde, wie beispielsweise neue Bilderfindungen (237). Stabil werden die Veränderungen, wenn Vereinbarkeit erreicht ist (31).

    Sechs Überlegungen zum Begriff des Spiels:
    Was erklärt die Metapher des Spiels - oder welche zusätzliche theoretische Erklärungsleistung bringt die Beobachtung mittels Spielzügen (beispielsweise gegenüber den Theorien von Bourdieu und Luhmann)?
    1. Eine "intuitive Plausibilität" (17) ist nicht unbedingt ein theoretisches Argument. Möglicherweise könnte man statt "Wirtschaftsspiel" nur von "Wirtschaften" reden, wie es Hutter selbst schreibt (28). Statt "[i]m Musikspiel" wäre 'in der Musik' genauso aussagekräftig. Oder "Irritationsgeschichten"  (32) könnten empirische Beispiele von Irritation sein.
    2. Dass Spiele Regeln erfordern, implizieren beispielsweise die Codes der Funktionssysteme bei Luhmann; eine Verbindung von Regeln zu sozialen Systemen kann man bei Kapitanova (2013) nachlesen. Im Spiel vergnügliches und ernstes Verhalten zu sehen, lässt sich durch den Begriff sicherlich leichter beobachten (18 ff.) - aber wäre das aus einer 'Interaktion' nicht genauso ableitbar? Im Gegenteil - Spiele lassen leicht auf Akteure schließen, die motivational im Kontext von Regeln handeln; aber was ist mit der Perspektive von Kommunikationen? Werden diese Sicht auf und mit Kommunikationen nicht durch den Begriff des Spiels leichtfertig ausgeschlossen? Warum nicht Sinn als Kontext statt Regeln? 
    3. Und könnte statt "ernst" oder "ästhetisch" bei Hutter nicht Luhmanns Unterscheidung "Verwunderung / Bewunderung" (32) vollständiger die Phänomene erfassen? (Warum heißt die zugehörige Sitzung wohl "Irritation, Ver- udn Bewunderung" ;-).
    4. Und dass Finanzmärkte nicht nur "Glücksspiel[e]" des "Kasino-Kapitalismus" sind (28), können seriöse Unternehmer, die ihr Kapital durch Aktienverkauf für Investitionen in ihr Unternehmer nutzen, vermutlich bestätigen. 
    5. Spieltheorie aus der Wirtschaft (20) ist ein ungenauer, historisch bedingter Begriff, denn Gefangene im Gefangenendilemma als "Spieler" zu bezeichnen, erscheint möglicherweise ein wenig anachronistisch. Axelrod spricht in einem ähnlichen Zusammenhang stattdessen neutraler davon, dass "eine Person bei einer fortlaufenden Interaktion mit einer anderen Person kooperier[t]"  (Axelrod 2005: S. VII). 
    6. (a) Möglicherweise erklärt Luhmanns Unterscheidung von Handeln und Erleben mit den symbolisch generalisierten Medien (Luhmann 1997: 336), warum Hutter den "erkennbaren Kontrast der ästhetischen und der politischen Formen schwer[...]" unterscheiden kann (250): Denn Luhmanns Medium der Macht schließt bei der Alter/Ego-Kommunikation mit Handeln/Handeln anschließt - und nicht mit Erleben (Luhmann 1997: 355 ff.); aber Ästhetik ist intuitiv eher im Erleben als im Handeln verortet. (b) Mit Hilfe dieser Medientheorie Luhmanns braucht man möglicherweise nicht von der "Wertlogik des ästhetischen Erlebens" (26, Hervorh. L.E.) zu sprechen, denn nach Luhmann 'beginnt' die Kommunikation durch das Kunstmedium im Handeln von Alter (der Künstler malt) und schließt Ego an, das Publikum erlebt (sic!) (abstrakter dazu Luhmann 1997: 353 f.). 
    Im Ergebnis scheint die Spielemetapher (zumindest in den untersuchten Textausschnitten von Hutter 2015) wenig zusätzliche theoretische Erklärungsleistung zu bieten, sofern man das Potential bei Luhmann ausschöpft. Die Spielemetapher verbessert sicherlich das Leseerlebnis, das einfachere Verständnis der Irritation zwischen verschiedenen Wertsphären und somit einen häufigeren Anschluss an Leser des Textes aufgrund des intuitiven Charakters des Spiels (17) und entsprechender Spielzüge.


    ---------Literatur

    • Axelrod, Robert (2005): Die Evolution der Kooperation. 6. Aufl. München: Oldenbourg.
    • Kapitanova, Janeta (2013): Regeln in sozialen Systemen. Wiesbaden: Springer VS
    • Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
    • Mölders, Marc (2016): Irritationsgestaltung. Seminare im WiSe 2014_15 und SoSe 2016, ekVV-Belegnummern: 300168 bzw. 300148. Universität Bielefeld. Online verfügbar unter https://ekvv.uni-bielefeld.de/kvv_publ/publ/vd?id=37979814, zuletzt geprüft am 08.04.2016.


    Donnerstag, 5. Mai 2016

    Wie sind Irritationen durch Konversationskreise möglich? (Hutter 1989: 90-104; 130-139)

    1) Überblick: 
    Im Folgenden werden Konversationskreise als Irritationen zwischen Wirtschaft und Recht im Text von Hutter dargestellt (2.1 - 2.2). Es folgt der Versuch eines selbstgewählten Anwendungsbeispiels (2.3) - das Embargo des Exportes von Wirtschaftsgütern in den Iran. Anschließend (2.4) werden zwei Fragen zur Übersetzungsleistung und zum Ort der Konversationskreise formuliert (mit Andeutungen zu Antworten).

    2) Details:
    2.1) "Wer irritiert wen?" und grob "Wie?"(zur Leitfrage in Mölders 2016):  Wirtschaftspersonen irritieren durch Konversationskreise Rechtspersonen und vice versa (941). "Personen werden als soziale Systeme, als Mitteilungsströme interpretiert" (94). "Entsteht eine Steigerung der Mitteilungsaktivität zwischen Wirtschafts- und Rechtspersonen führt dies zu autonom handelnden Konversationskreisen" (S. 90), über die  die "Konversationsteilnehmer [...] einen Teil ihrer eigenen Aktivitäten [...] laufen [lassen]" (94). Dieser Teil der Aktivitäten sind die durch o.g. Mitteilungsströme ausgelösten "Kommunikationshandlungen" (94), durch die sich die Konversationskreise reproduzieren (94). Das Mitteilungshandeln der jeweiligen Personen erfolgt im "primären Kontext" (91) der jeweiligen Leitunterscheidungen des Funktionssystems, hier Recht (Unrecht) oder Wirtschaft (Transaktionen, Geld).

    2.2 Genauer zum "Wie?":  Personen können Unternehmen sein. "Sie versuchen, Mitteilungen zu finden, die für andere Personen wertvolle Information darstellen. Die anderen Personen reproduzieren diese Mitteilungen innerhalb ihrer eigenen Konversationen. Dadurch reproduzieren sie gleichzeitig die Einheit, die Identität der aussendenden Personen. Dieser Vorgang ist "verschränkt", d.h.: die anderen Personen verfahren genauso, und jeder Anfangspunkt der wechselseitigen Unterstellung von Identität, des "Einpflanzens der eigenen Identität in die interner Konversation anderen Personen, muss seinerseits unterstellt werden" (92). "[S]ie muss in der Lage sein, die eigene Identität zur Verhaltenskompetenz der Umweltsysteme zu machen" (92). "Konversationskreise zechnen sich gerade dadurch aus, daß sie mehrere Leitunterscheidungen präsent halten" (95).

    2.3) "Wozu?"/Beispiel: Zunächst kann man sich ein Beispiel vergegenwärtigen, wie das Embargo des Exportes von Wirtschaftsgütern aus Europa in den Iran, da dieser u.a. durch die EU und die USA mittels wirtschaftlichen Sanktionen zu politischen Maßnahmen gezwungen werden sollte. Wie wird nun mittels der Funktionsweise der Konversationskreise ersichtlich, wozu diese Irritation erfolgt? Dies wird durch folgende Aussage bei Hutter klar: "Wenn Recht 'produziert' wird, dann induzieren Wirtschaftsmitteilungen Veränderungen im Recht, die in einer späteren Zeitperiode von Wirtschaftspersonen als Transaktionsmittel [...] verwendet werden können" (138). D.h. u.a. die EU und die USA produzieren Sanktionsrecht, was über Konversationskreise als Mitteilung in der Wirtschaft eine "wertvolle Information darstell[t]" (92), da es Einfluss auf die Transaktionen der Wirtschaft und entsprechenden Gewinn hat (Geld), da Waren eines EU-Unternehmens nicht mehr in der Iran exportiert werden können, was vor der Änderung des Rechts möglich war.

    2.4) Fragen:
    1) Wie erfolgt die Übersetzungsleistung in der Konversationskreisen mit den verschränkten Identitäten (92)? Vermutete Antwort: Es ist die "wertvolle Information" (92) der Rechtsproduktion, die als Informationsirritation in der Umwelt der Wirtschaftsperson auftaucht. Sie fragt sich, was diese Information für einen möglichen Einfluss auf die Transaktionen in ihrem eigenen Wirtschaftskontext hat? Es ist also die Frage nach der Relevanz oder des Wertes der Information; und wie diese in den Kontext der Wirtschaftsperson eingebaut wird.

    2) Wo finden die Konversationskreise mit den beteiligten Personen statt? Hutter deutet es an, wenn er peripher zum primären Kontext von "intermediären Gruppen" spricht, die "mehrere Leitunterscheidungen präsent halten" (95). Man könnte sich das so vorstellen, dass die Rechtsabteilung in einer EU-Wirtschaftsorganisation sich nicht nur Rechtsänderungen als Texte zuschicken lässt, sondern gerade auch Kontakte mit Adressaten aus der EU-Bürokratie (oder über Wirtschafts-Lobby-Verbände) pflegt, die den aktuellen Stand des drohenden Iran-Embargos genauer kennen, da sie möglicherweise über die Kopplung des politischen System entsprechende "wertvolle Informationen" (92) besitzen; oder diese Information "als eigene Identität zu Verhaltenskompetenz der Umweltsystem zu machen"(92). Die identitäts-interne Konsequenz - an der primären Leitunterscheidung orientiert - wäre, Transaktionen in Form von Wirtschaftsgütern auf anderen Märkten versuchen zu platzieren.



    -----------Fußnoten
    1 Seitenangaben ohne Autor beziehen sich auf Hutter (1989)

    -----------Literatur
    Hutter, Michael (1989): Die Produktion von Recht. Eine selbstreferentielle Theorie der Wirtschaft, angewandt auf den Fall des Arzneimittelpatentrechts. Tübingen: J.C.B. Mohr.

    Mölders, Marc (2016): Irritationsgestaltung. Seminare im WiSe 2014_15 und SoSe 2016, ekVV-Belegnummern: 300168 bzw. 300148. Universität Bielefeld. Online verfügbar unter https://ekvv.uni-bielefeld.de/kvv_publ/publ/vd?id=37979814, zuletzt geprüft am 08.04.2016.

    Freitag, 29. April 2016

    Wie sind Irritationen der Gesellschaft mittels politischer Kontextsteuerungen möglich? (zu Willke 2014: 135-162, entspricht den letzten Kapiteln 4.3 bis 5 des Buches)


    Willke analysiert in den letzten Kapiteln seines spannenden Buches mit normativem Impetus die Steuerungsfähigkeit des politischen Systems, insbesondere mit Blick auf die Gesellschaft.

    Im Anschluss an die Leitfrage des Seminars (Mölders 2016) sollen im Folgenden zunächst "nur" Fragen an den Text formuliert werden:
    1)  "Wer oder was irritiert wen":
    Irritiert das politische System die Gesellschaft? Willke sieht diese Möglichkeit, wenn er schreibt dass "politische Steuerung - durch Kontextsteuerung - nicht ausgeschlossen wird" (S. 143).
    2) "Wie wird irritiert:"
    Wie sind Irritationen mittels Kontextsteuerung möglich? Was ist eigentlich eine Kontextsteuerung genau, d.h. was sind Kontexte konkret? Umwelten von Systemen? Sinnkontexte? Strukturelle Koppplungen?
    3) "Zu welchem Ende (wozu)":
    Offenbar sollen die "Risiken aus der Dynamik der modernen Gesellschaft" (S. 140) minimiert werden oder die "Chancen der Demokratie" (S. 143) sich verbessern oder vermehren (S. 159), indem die "Kompetenzkompetenz" (was immer das ist) des politischen Systems sich "zur Kernkompetenz" bewegen solle: D.h. es müsse eine "neue Ausrichtung der Aufgabenstellung der Politik von der Reparatur zur Resilienz" erfolgen (S. 145). "Die Kernkompetenz der Gesellschaftssteuerung umfasst dann drei wesentliche Aufgaben: das Management struktureller Kopplungen, das Management systemischer Risiken und Kontingenzen sowie Koordination der Funktionssystem durch Kontextsteuerung" (S. 146) Im Kern scheint der Begriff der Kontextsteuerung und der Resilienz übrig zu bleiben, denn alle anderen Aufgaben absolviert die Politik bereits jetzt (wie gut oder schlecht auch immer dabei irritiert wird). Nicht umsonst schreibt Willke: "Das Modell der Resilienz stellt die Zukunft in den Mittelpunkt" (S. 148).
    4) Interessant ist die konsequente Überlegung bei der "Stärkung der Problemlösungskompetenz [...] den historisch gewachsenen, nationalstaatlichen Kontext zu verlassen"(S. 160). Aber irritiert dann nur noch das weltpolitische System die Gesellschaft durch Kontextsteuerung? Wer legt letztgültig die Kontexte fest? Ist der Staat dann obsolet? Es bleiben spannende Fragen oder "Konfusion[en]" (Buchtitel) (was immer eine Konfusion ist), mit denen man sich beschäftigen müsste.

    Mehr siehe: willke-im-interview

    Literatur:

    Mölders, Marc (2016): Irritationsgestaltung. Seminare im WiSe 2014_15 und SoSe 2016, ekVV-Belegnummern: 300168 bzw. 300148. Universität Bielefeld. Online verfügbar unter https://ekvv.uni-bielefeld.de/kvv_publ/publ/vd?id=37979814, zuletzt geprüft am 08.04.2016.

    Willke, Helmut (2014): Demokratie in Zeiten der Konfusion. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

    Samstag, 23. April 2016

    Warum irritiert das Rechtssystem eine Organisation so viel anders als eine TNC?

    Genauer: Warum irritiert "das" Rechtssystem eine nationalstaatliche Organisation so viel anders als eine transnationale Organisation (TNC) - zumindest aus der Theoriebrille Luhmanns beobachtet?


    Hypothese: Im Folgenden wird die Hypothese vertreten, dass in dem sehr spannenden Text von Teubner (2010) relativ viel theoretischer Aufwand betrieben wird, den man unter einer veränderten Beobachtung reduzieren könnte. Das soziologisch sehr interessante empirische Phänomen von TNCs auf Weltgesellschaftsebene gegenüber nationalstaatlichen Organisationen bleibt dabei logischerweise erhalten: Recht versus Ökonomie.

    Zunächst vorab: In Bezug auf die Leitfrage des Seminars (Mölders 2016) wird davon ausgegangen, dass es in dem Text primär darum geht, dass nationalstaatliche Rechtssysteme Organisationen irritieren, beispielsweise "strukturelle Kopplung [...] zwischen Unternehmensorganisation und Recht" (S. 8). Zudem heißt die Sitzung "Irritation rechtstheoretisch" (Mölders 2016, Hervorh. LE). Eher am Rande werden Irritationen politischer Systeme auf TNCs erwähnt, beispielsweise "politische[...] Initiativen (S. 1) oder "NGOs" (S. 2 bzw.  21). Es soll nicht erneut diskutiert werden, ob ein Funktionssystem eine Organisation überhaupt direkt irritieren kann, wie es im obigen Beispiel vorkommt; denn beide Systeme liegen auf unterschiedlichen Komplexitätsebenen oder Ebenendifferenzierungen bei Luhmann (Heintz/Tyrell 2013). Es wird im Folgenden davon ausgegangen, dass sich entweder nur Funktionssysteme irritieren können oder analog wechselweise Organisationen (diese auf dem Umweg über entsprechende Funktionssysteme). Beispielsweise irritiert die "UNO" (S. 14) mit Kommunikationen im Rechtssystem eine TNC im ökonomischen System als eine System-zu-System-Beziehung oder Irritationskanal, wenn ein TNC aus der Modebranche mit Menschrechten in asiatischen Ländern laxer umgeht als in mitteleuropäischen Ländern (aus rein ökonomischen Gesichtspunkten rational nachvollziehbar, da die Stundenlöhne entsprechend differieren).

    Zur Diskussion/Hypothese:
    Teilt man alle Begriffe in die Bereiche Recht von Ökonomie, beispielsweise Juridifaktion bzw. private Normierung oder private ordering handelt es sich hier zunächst um eine Kopplung zweier Funktionssysteme. Dass Organisationen der Ökonomie sich an Rechtsvorschriften orientieren, alleine um Geld zu verdienen, statt in Rechtsprozesse verwickelt zu werden, ist evident. Nicht umsonst kann eine TNC laxer mit Rechtsvorschriften im asiatischen Raum umgehen, als es im mitteleuropäischen Raum normal ist. Somit muss es in einer TNC einen hinreichen abstrakten Wertecode geben (corporate governance oder private ordering), damit die Operationen der Organisation an die jeweiligen Gepflogenheiten der Staaten, in denen man ökonomisch jeweils tätig ist, angepasst wird. Ob es dazu der Begriffe Hyper- und Ultrazyklus bedarf, kann diskutiert werden - insbesondere wenn dann auf einmal von Netzwerken die Rede ist (S. 17). Warum von Irritation zwischen Netzwerken sprechen (S. 17), wenn es doch nichts anderes als Irritationen zwischen Subsystemen (Abteilungen/Firmen eines Konzerns) sind, die sich nur in etwas anders gearteten Rechtsräumen (Staaten) befinden. Ein gutes Beispiel bietet der Konzern B der ein Rechenzentrum in G (Deutschland) und in S (China) besitzt. In Mitteleuropa bekommen die Angestellten differenzierte Aufgabenstellung, in China ist das bei entsprechender sehr geringer Bezahlung nicht erlaubt. Letzteres wird über die Menge ausgeglichen, sodass geringfügige Anpassung in der TNC-Organisation man sich an das Rechtssystem vor Ort anpasst. Entsprechende Irritationen laufen von der chinesischen Abteilung zur arbeitstechnisch gleichen Abteilung in Deutschland. Beispielsweise werden Massenkonfigurationen von Netzwerken in China durchgeführt, in Deutschland wird das eher konzipiert. Somit stellt sich auch die Frage, ob von privater "Normierung" die Rede sein muss, da Normen primär im Rechtssystem erzeugt werden und die wenigen Normen in der TNC nichts anderes als arbeitstechnische Gepflogenheiten sind (eher Empirie als Theorie). Dann braucht auch der Code im Sinne Luhmanns nicht in einen Hybridcode aufgeteilt zu werden, genauso wie man den Code of Conduct in organisatorische Gepflogenheiten übersetzen könnte. Private ordering oder gar private Normierung wäre nichts anderes als das Ergebnis der Irritation zwischen den Subsystemen Gewerkschaft und ökonomisch arbeitenden Divisons (Bereiche, Abteilungen, Subsysteme). Selbstverständlich existieren Rechtskommunikationen in Organisationen der Ökonomie; ob man den Begriff des "law" in hard/soft law (S. 20) aus Sicht von Lumanns Theorie aufteilen muss bleibt diskussionfähig.

    Literatur:

    Heintz, Bettina; Tyrell, Hartmann (Hg.) (2013): Interaktion - Organisation - Gesellschaft. Stuttgart: Lucius & Lucius.

    Mölders, Marc (2016): Irritationsgestaltung. Seminare im WiSe 2014_15 und SoSe 2016, ekVV-Belegnummern: 300168 bzw. 300148. Universität Bielefeld. Online verfügbar unter https://ekvv.uni-bielefeld.de/kvv_publ/publ/vd?id=37979814, zuletzt geprüft am 08.04.2016.


    Teubner, Gunther (2010): Selbst-Konstitutionalisierung transnationaler Unternehmen? Zur Verknüpfung ' und 'staatlicher' Corporate Codes of Conduct. In: Stefan Grundmann, Brigitte Haar und Hanno Merkt (Hg.): Unternehmen, Markt und Verantwortung. Festschrift fur Klaus J. Hopt zum 70. Geburtstag am 24. August 2010. Berlin: De Gruyter, S. 1449–1470. Online verfügbar unter https://www.jura.uni-frankfurt.de/42828681/CSRdtFSHopt.pdf, zuletzt geprüft am 13.04.2016.

    Mittwoch, 13. April 2016

    "Irritation" bei Luhmann (1997: 789–801), genauer zur "Irritationsgestaltung" bei Mölders (2016, 2015, 2013/14)

    Kommentar 1:

    Es klang in der ersten Sitzung so, also ob Funktionssysteme nicht irritiert werden können. Zu einer Konkretisierung der Leitfrage des Seminars: Warum kann das Rechtssystem bei einer Gesetzesänderung das ökonomische System in Fragen veränderter Zahlungen nicht irritieren?

    Beispiel: Wird der Soli-Zuschlag oder gar eine Verfassungsänderung durch das Rechtssystem durchgeführt, hat dies Konsequenzen auf die empirische Menge von Zahlungen oder Gewinnen im ökonomischen System.
         Auf eine geringere Komplexitätsebene der Organisation heruntergebrochen ist es natürlich so, dass eine Organisation des Rechtssystems (eine konkrete Verwaltungsstelle des politischen Systems) die Rechtsänderung umsetzt und die Organisationen des ökonomischen Systems letztgültig eine Änderung auf den Gehaltsabrechnungen ihrer Mitarbeiter durchführen muss.

    Konsequenz: Wie in der ersten Sitzung angeklungen, können Organisationen irritiert werden, was das genannte Beispiel plausibilisiert. Wenn man diese Irritation jedoch "nur" abstrakter auf einer höheren Komplexitätsstufe formuliert (wie oben versucht), so könnte man doch auch sagen, dass ein Funktionssystem ein anderes irritiert? Ich stelle diese Frage zur Diskussion, da ich selbst dahingehend unsicher bin.

    Hypothese: Irritation sind primär auf einer zeitlichen Dimension zu verorten. Die oben indirekt angedeutete strukturelle Kopplung zwischen Recht und Ökomonie ist eine auf der Sozial- und/oder Sachdimension. (Vermutlich schreibt Luhmann nicht umsonst zum einen, dass er "strukturelle Kopplungen voraussetz[t][...]" (1997: 789); und zum anderen behandelt er das Thema "strukturelle Kopplung" im davorliegenden Kapitel (1997: 776 ff.).

    Ich freue mich auf weitere Diskussionen.

    -----------
    Leitfrage: Wer oder was irritiert wen oder was wie und zu welchem Ende (wozu)?

    -----------Literatur
    Luhmann, Niklas (1997): Irritationen und Werte. In: Ders.: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 789–801.

    Mölders, Marc (2013/14): Systeme da abholen, wo sie stehen? Systemangepasste Kritik, Aufklärung und Steuerung. Rezension zu: Hagendorff, Thilo, Sozialkritik und soziale Steuerung. Zur Methodologie systemangepasster Aufklärung. In: Soziale Systeme 19 (1), S. 198–203.

    Mölders, Marc (2015): Der Wachhund und die Schlummertaste. Zur Rolle des Investigativ-Journalismus in Konstitutionalisierungsprozessen. In: Zeitschrift für Rechtssoziologie 35 (1), S. 49–67.

    Mölders, Marc (2016): Irritationsgestaltung. Seminare im WiSe 2014_15 und SoSe 2016, ekVV-Belegnummern: 300168 bzw. 300148. Universität Bielefeld. Online verfügbar unter https://ekvv.uni-bielefeld.de/kvv_publ/publ/vd?id=37979814, zuletzt geprüft am 08.04.2016.